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Nachlese zum 20. Weltjugendtag

gesendet am 28.08.2005 von Dr. Hans Frisch
 

Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag in Köln 2006Am vorigen Sonntag hatten wir - meine Frau und ich - ein Problem: Wir wollten gerne die Messe beim Weltjugendtag in Köln im Fernsehen miterleben, die der Papst mit einer Million Jugendlichen feierte - und wir wollten den Gottesdienst in unserer Gemeinde nicht verpassen, wo Petra Heß predigte - es war ihre erste Predigt. Die Wahl zwischen dem Nachfolger des Petrus in Köln und der Petra in Nürnberg ließ sich technisch lösen - wir haben die Fernsehsendung aufgenommen. Später konnten wir dann die Feier auf dem Marienfeld "nacherleben".

Eine Messe mit einer Million Gläubigen in einer gewaltigen, perfekten Inszenierung, geleitet von der beeindruckenden, überzeugenden, integren Person des ehemaligen Kardinals Ratzinger in der Autorität des Papstes. Am Abend vorher, beim Nachtgebet (der Vigil) hatten die Jugendlichen mit endlosen "Be-ne-de-tto" Rufen und immer wieder aufbrausendem Beifall diesen Papst gewissermaßen "auf den Schild ihres Glaubens" gehoben - wie unterschiedlich auch der Glaube der einzelnen sein mochte. Aufmerksam und andächtig hörten sie, wie er "die weiße Hostie als die reale Gegenwart Christi unter uns" darstellte.

In vollem Ornat kniete dann dieser Papst, der den Glauben, die Hoffnungen und auch die religiösen Sehnsüchte dieser jungen Menschen auf sich und in sich vereinte, ruhig, gesammelt, anbetend vor der goldenen Monstranz mit dieser Hostie - mit der Zusage, daß am Sonntag aus der Anbetung die Begegnung werden soll.

Ein Fest der "alleinseligmachenden Kirche" ?

Hunderttausende blieben die Nacht über auf der Wiese und es war beeindruckend, wie wach die Anteilnahme am Sonntagmorgen war. Jetzt waren eine Million Gläubige zusammen, und auf dem Hügel zelebrierte der Papst mit den Priestern die Messe. Von "christlichem Glauben" sprach er, und meinte den katholischen Glauben, von "der Kirche", und meinte die katholische, als "Heiliger Vater" wurde er von einem Bischof begrüßt, als Vater der Katholiken. Nach der Wandlung wurde die Hostie ausgegeben an die vielen Gläubigen - ausdrücklich nur an die katholischen.

Neben den Millionen Teilnehmern dort in Köln wurde das Ereignis in Millionen und Abermillionen Haushalten am Fernseher miterlebt. Die Worte des Papstes wurden in fast allen Zeitungen zitiert und kommentiert - nicht nur in Deutschland. Es war ein gewaltiges Fest des Glaubens - des katholischen Glaubens - und, unausgesprochen ein Fest der "alleinseligmachende Kirche".

Sehr bescheiden war dagegen unser Gottesdienst in der Baptistengemeinde. Während der Heilige Vater von der ganzen Welt wahrgenommen wurde, predigte Petra Heß über "Väter und Mütter" - biologische und geistliche Väter und Mütter. Eine gute und starke Predigt vor der Ferienrestgemeinde. Doch auch bei voller Gemeinde, selbst wenn alle Baptisten zusammen einen Jugendtag hätten, so etwas Gewaltiges wie in Köln käme nie zustande.

Und da entsteht ein wirkliches Problem. In den Worten des Papstes und der Ausschließlichkeit der Eucharistie, zu der nur Katholiken zugelassen sind, wird der Absolutheitsanspruch dieser Kirche sichtbar - eine Herausforderung für alle anderen Christen.

Wenn der Papst zum Thema Ökumene von der orthodoxen Kirche und von Juden sprach, von Protestanten eher in einem Nebensatz und die Freikirchen total ignorierte, dann ist das bei diesem scharfen Denker und klaren Redner sicher kein Zufall oder Versehen.

Jetzt bin ich gespannt, wo uns das hinführt.

* * * Musik * * *

Warum war / ist das Verhältnis der Kirchen zu den Freikirchen so schwierig ?

Eine Million Gläubige auf dem Marienfeld, eine Milliarde Katholiken auf der Welt - das sind beeindruckende Zahlen. AREF ist eine Sendung der Freikirchen - und diese Kirchen werden nicht nur vom Papst übersehen oder ignoriert, an eine Ökumene mit ihnen wird kein Gedanke und kein Wort verschwendet. Das hat seinen Grund.

Der Ursprung der Freikirchen liegt in der Reformationszeit. Damals haben im schon evangelischen Zürich einige Männer aufmerksam das Evangelium gelesen, und sie fanden dort nirgends die Kindertaufe, wohl aber die Taufe "auf Grund des Glaubens" nach der Bekehrung zu Jesus Christus - und sie tauften sich gegenseitig.

Für Zwingli und den evangelischen Rat der Stadt war das ein Verbrechen, denn es war eine "Wiedertaufe", weil ja alle als Kind schon getauft worden waren. So fing die Verfolgung dieser an das Evangelium glaubenden Christen im evangelischen Zürich an, die ersten wurden ertränkt. Trotzdem wuchs die Bewegung der Täufer schnell - und auch ihre Verfolgung. In katholischen Ländern hatten "Wiedertäufer" die Wahl: Wenn sie widerriefen, wurden sie enthauptet, wenn nicht, wurden sie lebendig verbrannt.

Die meisten brannten, später auch in den evangelischen Ländern. Zehntausende waren es. Bis ins 19. Jahrhundert ging die Verfolgung, noch um 1850 wurden Kinder von Baptisten in Hamburg mit der Polizei abgeholt und in der Kirche zwangsgetauft. Kein Wunder, dass die Freikirchen Vorkämpfer der Religionsfreiheit wurden - und kein Wunder, dass sie in Amerika die Mehrheit sind, denn viele sind damals dorthin ausgewandert.

Die Feindschaft ist beendet - hier und da, auch bei uns in Nürnberg, wurde sie von Freundschaft abgelöst. Doch die Unterschiede zwischen der katholischen Kirche und den Freikirchen sind fundamental und nicht zu überbrücken.

So wie bei den Juden jeder Knabe durch die Beschneidung in das Volk Gottes aufgenommen wird, so wird bei den Katholiken jedes Kind durch die Taufe in die Kirche aufgenommen, ohne gefragt zu sein und ohne eigene Entscheidung. Der junge Mensch findet sich also vor als katholischer Christ, er ist es geworden durch das Sakrament Taufe. Er hat nur noch die Wahl, aktiv am Leben der Kirche teilzunehmen oder nicht.

Ursprung, Mittelpunkt und Quelle auch der katholischen Kirche ist Jesus Christus, der gekreuzigte, für unsere Sünden gestorbene Retter und erhöhte Herr. Im Sakrament der Eucharistie geschieht immer wieder die Begegnung der Christen mit diesem Christus, der "mit den Augen des Glaubens in der die Hostie real gegenwärtig geschaut wird" - wie der Papst es ausdrückte.

Dieses Sakrament kann nur gespendet werden durch den geweihten Priester, dessen Vollmacht aus der Weihe durch den Bischof kommt, der wiederum durch den Papst und somit vom Nachfolger des Petrus geweiht ist - und Petrus hatte seine Vollmacht direkt von Christus.
So erhält der gläubige Katholik immer wieder Anteil am Opfertod Jesu, durch Vermittlung des Priesters, und ohne diese Vermittlung hat der keinen Anteil am Heil. Deshalb sieht diese Kirche sich als die "alleinseligmachende".

Das Verständnis und die Botschaft der Freikirchen ist anders:
Jesus ist den Opfertod gestorben für alle Menschen, deshalb kann jeder Mensch dieses Opfer für sich annehmen oder ablehnen. "Bekehrung" wird das genannt, wenn einer JA sagt zu Jesus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Damit - und erst damit - wird er ein Christ, und ist es, ohne dass noch etwas notwendig wäre.

Als Bekenntnis und als Besiegelung dieser Entscheidung kann er sich taufen lassen, "Glaubenstaufe" wird das genannt. Das klingt sehr einfach, es ist aber oft eine dramatische Veränderung des ganzen Menschen, seiner Maßstäbe, seines Verhaltens und seiner Beziehungen. Mit Recht wird dann von "Wiedergeburt" gesprochen.
Das Miteinander solcher "wiedergeborener" Christen ist die Gemeinde - jeweils die konkrete Gemeinde am Ort, die mehr oder weniger fest in einen Bund oder eine Freikirche eingebunden sein kann.

Die Gemeinden bleiben aber völlig selbständig in ihrer Entwicklung und ihrer Struktur, und völlig unabhängig von übergeordneten Autoritäten und vom Staat. Kann eine solche "Kirche" aus lauter selbständigen Gemeinden überhaupt Bestand haben und kann eine Gemeinschaft, die aus freier Entscheidung entsteht auch wachsen?
Da wollen wir nach der Musik hinschauen.

* * * Musik * * *

Kirche und Freikirche in Fakten und Zahlen

"Die Kirche" - da denkt man automatisch an die katholische. "Die Freikirche" gibt es nicht. "Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden" heißt die Vereinigung, zu der auch unsere Baptistengemeinde in Nürnberg gehört. Wenn man die Gesamtheit der Christen benennen will, die durch Bekehrung dazu gehören, so spricht man von "evangelikalen Christen" oder Gemeinden - denn sie anerkennen keine Autorität als das Evangelium. Weil aber das Evangelium durchaus verschieden verstanden und ausgelegt werden kann, gibt es auch viele verschiedene evangelikale Gemeinschaften.

Über eine Milliarde Katholiken gibt es auf der Welt - aber nur (oder immerhin!) 600 Millionen evangelikale Christen. 15 Prozent der Katholiken besuchen am Sonntag den Gottesdienst - in evangelikalen Gemeinden sind es über 100 Prozent, denn als Mitglied sind nur die Getauften gezählt, und die werden begleitet von Kindern, Partnern, Freunden.

Die katholische Kirche wächst um 0,5 Prozent im Jahr, die evangelikalen Gemeinden um 4,2 Prozent. Das Wachstum der Kirche kommt aus der Taufe der Kinder, das der Gemeinden aus der freien Entscheidung der Einzelnen.

Um Missverständnissen vorzubeugen

Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch der Katholik, der an Jesus Christus als seinen Retter glaubt, ist Christ, ohne Wenn und Aber, und in der Eucharistie hat er eine gute und schöne Möglichkeit, sein Christsein zu erfahren und zu bekennen. Ich meine und hoffe, dass viel mehr als die 15 Prozent der katholischen und die 3 Prozent der evangelischen Gottesdienstbesucher einen solchen Glauben haben. Ohne Zweifel gibt es aber unter den Mitgliedern der Kirche mehr Menschen ohne lebendigen Glauben als in den Gemeinden.

Der Herausforderung durch die gewaltige und faszinierende Demonstration des kirchlichen Glaubens können wir freikirchlichen Christen also durchaus standhalten - in unserem Bereich wächst das Christentum in der Welt. In unseren Gemeinden ist der Glaube lebendiger als in den großen Kirchen, und das in größerer persönlicher Freiheit und auf Grund eigener Entscheidung.

Leider ist es aber nicht so ideal, wie es klingt. Wie eine Ehe aus einer großen plötzlich aufbrechenden (oder besser: einer einbrechenden) Liebe entsteht, und das Leben verändert und bestimmt, so entspringt der Glaube aus einer Bekehrung, die alles verändert.

Doch so, wie in der Ehe die erste Liebe ermatten kann und das Leben dann so hingeht, so kann das auch im Glauben geschehen. Die Bekehrung ist dann nur noch eine Erinnerung wie die erste Verliebtheit, und das Glaubensleben geht so hin.

So, wie die Ehe immer wieder die Erfahrungen braucht, in denen die Liebe erlebt wird, so braucht der Glaube Erfahrungen, die seine Realität spürbar machen. Da ist die katholische Kirche eigentlich zu beneiden um die Glaubensmitte in der Eucharistie.

Zu wünschen ist, dass wir immer wieder die Wirklichkeit der Erlösung durch Christus so erfahren, dass wir uns als wiedergeboren erleben. Weil das gerade in den freien Gemeinden immer wieder geschieht, deshalb sind sie so lebendig.

Dr. Hans Frisch

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