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Die drei Wochen vor Karfreitag

gesendet am 10.03.2013 von Dr. Hans Frisch
 

Alle Jahre wieder - kommt nicht nur Weihnachten, sondern auch die Passionszeit. Es ist nicht möglich, jedes Jahr etwas Neues dazu zu sagen. Als ich unsere jüdische Freundin fragte: „Worüber soll ich am Sonntag im Radio sprechen?“ da meinte sie: „Es ist doch Passionszeit - was war mit Jesus drei Wochen vor Karfreitag ?“ Es ergab sich ein spannendes Gespräch.

Wer die Evangelien liest, kann eine Ahnung bekommen von diesen letzten Wochen im Leben von Jesus. Es war gewissermaßen der Endspurt seines Weges - und der fing tatsächlich an mit Weihnachten. (Wie jeder Weg eines Menschen mit der Geburt anfängt - aber nicht jeder geht so zielstrebig auf ein Ziel hin, schon gar nicht auf so ein Ziel!)

Die Kinderjahre

Schon wiederholt sind wir in früheren Sendungen bei unserem Nachdenken auf die Weichenstellung für den Sohn der Maria gekommen, der bald nach der Geburt als Flüchtlingskind in Ägypten lebte und auf die Fragen und Antworten die da auftauchen (mussten!):

„Warum sprechen wir anders als die andern Menschen hier?“ – „Weil wir aus Judäa kommen.“ – „Warum sind wir nicht dort geblieben?“ – „Weil der König dich töten wollte.“ – „Warum wollte er mich töten?“ – „Weil du der Messias bist.“ - denn die Mutter hatte geglaubt, was sie bei der Engelserscheinung gehört hatte.

Wir haben auch schon darüber nachgedacht, wie selbstverständlich ein Kind so eine Botschaft aufnimmt, wie sein Selbstverständnis davon geprägt werden muss, wenn er in den Propheten des Alten Testaments - und das war wohl das einzige Buch, das er kannte - wenn er dort las vom Messias, und mit kindlicher Selbstverständlichkeit wusste: „Das bin ich.“

Mit 12 Jahren versetzt er die Priester und Schriftgelehrten im Tempel in Erstaunen mit seiner Schriftkenntnis - die wussten ja nichts von seiner frühkindlichen Prägung.

"Coming out"

So hatte es angefangen - und dann? Wie sollte einer Messias sein?

Das Nachsinnen dauerte bis er 30 wird - dann lässt er sich taufen von Johannes, dem Verwandten und Freund, der als Prophet mit der Ankündigung von der Ankunft des Messias einen Massenzulauf am Jordan hat.

Bei der Taufe hört er eine Stimme vom Himmel: „Du bist mein lieber Sohn“ - und ihm ist klar, das ist die Formel aus dem zweiten Psalm, welche dem König zugesprochen bei der Salbung und ihn zum Gesalbten Gottes macht - zum „Meschiach“, zum Messias. Für Jesus ist es die klare Berufung, die Bestätigung seiner Erkenntnis - und nicht nur begeistert ist er, „der Geist kam auf ihn herab wie eine Taube“ wird berichtet.

40 Tage in der Wüste

40 Tage zieht er danach durch die Gebirgswüste dort an Jordan - zuletzt angefochten von Versuchungen. Aber schließlich ist er völlig zur Ruhe gekommen „und die Engel dienten ihm“ - nach 40 Tagen Fasten ist einer bereit für eine solche Erfahrung.

„Charisma“ nennt man die Ausstrahlung einer besonderen Persönlichkeit - und ein unerhörtes Charisma muss Jesus danach ausgestrahlt haben - von der Arbeit weg folgten ihm Fischer, Handwerker und Zöllner als Jünger, wenn er sie rief.

Es gab damals (und nicht nur damals) viele Wundertäter – „Wunderrabbis“ wurden sie auch im chassidischen Judentum der Neuzeit genannt - doch er übertraf sie alle, wobei vielleicht die Wunder nicht nur die Menschen sondern auch ihn selbst überzeugen sollten von seiner Sendung (wenn er denn wirklich der von Gott gesandte Messias war). Wie nötig er eine solche Bestätigung hatte, da wollen wir nach der Musik hinschauen.

* * * Musik * * *

Seine Wunder

Viele der Wunder, die durch Jesus geschahen (und wir meinten, dass sie auch für Jesus geschahen) sind eigentlich unglaublich - aber das ist ja jedes wirkliche Wunder. Das unglaublichste Wunder ist die Auferweckung des Lazarus - und das bringt uns zugleich nahe an das Thema unserer Sendung.

Wenn die Evangelien von Wundern berichten, dann kommt leicht die Meinung auf: „Nun ja, sie wollten halt im Nachhinein beweisen, dass Jesus der Sohn Gottes ist - darum haben sie das erzählt“, und man meint, es könnten erfundene Geschichten sein.

Der Talmud, die jüdische Überlieferung

Ein Buch, das über diesen Verdacht erhaben ist, ist der Talmud, genauer, der „Babylonische Talmud“. In diesem Buch ist die (bis dahin nur mündliche) jüdische Überlieferung schriftlich festgehalten. Dort steht: Am Rüsttag des Passah hat man Jesus von Nazareth gehängt. Ein Ausrufer ging 40 Tage vor ihm her: „Er soll gesteinigt werden, weil er gezaubert hat und verführt und Israel abwendig gemacht hat. Jeder der für ihn eine Rechtfertigung weiß, komme und begründe sie für ihn“; aber man fand für ihn keine Rechtfertigung, und so hängte man ihn am Rüsttage des Passah.

Also - 40 Tage vor Karfreitag (denn das war der Rüsttag des Passah) da stand das Todesurteil schon fest - wenn keiner eine Rechtfertigung vorbringen kann. Als Verführer und wegen Zauberei sollte Jesus gesteinigt werden - das war die jüdische Todesstrafe nach dem Gesetz. „Gehängt“ meinte „ans Kreuz gehängt“.

Das Todesurteil

Was hatte zu dem Urteil geführt?

Nicht die vielen Wunder, die von Jesus berichtet werden, obwohl auch davon schon gesagt wurde: „Er treibt die Dämonen aus mit Beelzebub, den Obersten der Teufel“ - nein es war ein Wunder, das wie ein Paukenschlag das Finale einleitete.

Schon beim Laubhüttenfest im vergangenen Herbst und danach auch beim Hanukkafest hatte Jesus die Frommen so geärgert, dass sie ihn steinigen wollten. Seine Aussagen: „Ehe denn Abraham wurde, bin ich“ und „Ich und der Vater sind eins“ klangen für ihre Ohren als Gotteslästerung, und die verlangte die Todesstrafe. Jesus war entkommen, über den Jordan ins heutige Jordanien - damals Peräa. Das gehörte zum Hoheitsgebiet des Königs Herodes aus Galiläa, seines Landesherren. Deshalb konnte dort die Tempelpolizei aus Jerusalem nicht zugreifen und er war in Sicherheit.

Jesus holt seinen toten Freund Lazarus ins Leben zurück

Doch da kommt die Nachricht: „Lazarus, dein Freund ist todkrank, komm und hilf.“ Schließlich geht er - wissend um sein Schicksal, denn auch das hatten die Propheten ihm gesagt: „Der leidende Gottesknecht wird sterben für die Sünde des Volkes.“ Wenn ihr die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus im Johannesevangelium Kapitel 11 nachlest, achtet einmal darauf: Zweimal heißt es da (in der Lutherübersetzung): „Er ergrimmte im Geist.“ Genauer übersetzt Fridolin Stier: „Er fuhr jäh auf im Geist und geriet durcheinander.“

Stellt euch vor: Jesus weiß, dass der Tod am Kreuz ihn erwartet (und er kennt die fürchterlichste Todesstrafe, die der Mensch erfunden hat, denn es wurde oft gekreuzigt damals), und er will sich Gott anvertrauen in den Tod, weil er glaubt, dass ER ihn auf erwecken wird am dritten Tag. Jetzt steht er am Grab des gestorbenen Freundes, und will ihn aus dem Tod zurückrufen. Es war wie ein Test auf sein eigenes Sterben - hätte dort Gott ihm nicht dieses Wunder geschenkt, kaum denkbar, da sein Vertrauen im Tod am Kreuz standgehalten hätte.

Darum ging es für Jesus bei diesem Wunder - kein Wunder, dass er „jäh auffährt im Geist“ als er sich entschließt, den toten Freund zu rufen. Er bekommt die Antwort - Lazarus kommt heraus - doch noch eine Antwort kommt: Die Antwort der Priesterschaft, der Todesbeschluss !

* * * Musik * * *

Das unglaubliche Wunder war geschehen - viele hatten es miterlebt und glaubten an Jesu Sendung - einige aber gingen zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte. Die Priesterschaft ist alarmiert - der Hohe Rat, das Synhedrium als höchstens jüdisches Gericht, wird einberufen. Sehr knapp und präzise berichtet das Johannesevangelium:

„Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen.

Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.

Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.“

Die jüdische Obrigkeit befürchete einen Aufstand gegen die römischen Besatzer

„Lassen wir ihn so, dann werden alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“

Das ist der Schlüsselsatz, nicht nur für dieses Kapitel. „Die Römer“, das war nicht der Kaiser Tiberius im fernen Rom, das war die römische Besatzungsmacht mit dem Kurator Pontius Pilatus.

Ich habe in Berlin am 17. Juni 1953 miterlebt, wie die Panzer der sowjetischen Besatzungsmacht über den Alexanderplatz rollten, um den Aufstand der Arbeiter zu unterdrücken. Die wollten bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne.

Damals in Judäa war die Situation ähnlich, aber noch gefährlicher. Schon seit über 20 Jahren waren Widerstandskämpfer aktiv - „Judas der Galiläer“ hatte damals einen Aufstand angezettelt der blutig niedergeschlagen wurde - aber Ruhe kehrte nicht ein. Immer wieder wurden römische Söldner oder Offiziere, aber auch Juden, die zu den Römern hielten, von den Dolchmännern, den „Sikkariern“ erstochen, mitten in der Stadt, im Tempel, in ihren Wohnungen - und immer drohte der erneute große Aufstand - besonders durch die rebellischen Galiläer.

Wenn da ein charismatischer Führer auftauchte, vielleicht sogar einer, der für den Messias gehalten würde, dann wäre kein Halten mehr - und jetzt geht die Kunde durchs Land: „Auf dem Ölberg wurde ein Toter auferweckt - von Jesus aus Galiläa.“

Die jüdische Erwartung in jener Zeit war: „Der Messias wird über den Ölberg kommen, dann werden die Toten auferstehen. Durch die goldene Pforte wird er in den Passahgottesdienst im Tempel einziehen. Dann bricht das Reich Gottes an.“

Wegen dieser Erwartung ist am Abhang des Ölbergs, gegenüber dem Tempel, der große jüdische Friedhof, auf dem viele berühmte Juden beerdigt sind - denn hier werden sie als erste an der Auferstehung teilhaben.

Verständlich, dass dieses Lazaruswunder die Messiaserwartung angefacht hat und auf Jesus lenkte.

Wie gesagt, das Auftreten eines Messias bedeutete den Ausbruch des Aufstandes, besonders wenn die rebellischen in Galiläer sich um ihn scharen – und deshalb mußten die Verantwortlichen handeln. Juristische Bedenken wischt der Hohe Priester beiseite mit dem prophetischen Satz: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ Das geschah 40 Tage vor Karfreitag.

Die letzten 40 Tage

Jesus hat sich danach mit seinen Jüngern in Ephraim verborgen. Das ist ein kleiner Ort, 20 km nordöstlich von Jerusalem, auf einer Höhe über dem Jordangraben. „Nahe der Wüste“ schreibt das Johannes-Evangelium.

Von dort hatte Jesus einen Blick hinunter zum Jordan, wo mit der Taufe sein Weg begann, er sah vor sich die Bergwüste liegen, in der er nach der Taufe 40 Tage fastete und die Versuchung bestand.

Als er unten im Tal auf der Straße nach Jericho den Zug der Galiläapilger sieht, bricht er auf und geht mit ihnen hinauf nach Jerusalem zum Passahfest. Und damit beginnt der letzte Akt seines Lebenswegs. Aber das ist die Geschichte von Palmsonntag.

Die Wunder Jesu sind unglaublich, und das unglaublichste ist die Auferweckung des Lazarus. Du brauchst dir keine Mühe zu geben, die zu glauben, wenn du nicht glaubst, dass Jesus für dich ans Kreuz gegangen ist. Wenn er wirklich der von Gott gesandte Messias war, dann hat er dort am Kreuz Gottes Liebe, Gottes Erbarmen, Gottes Gnade für mich und für dich nicht nur offenbart, sondern erfüllt.

Als Beweis, dass es so ist, hat Gott ihn tatsächlich am dritten Tag auferweckt. Die Jünger haben es bezeugt - einige wurden dafür umgebracht, Millionen und Abermillionen Menschen haben es geglaubt - und viele sind dafür gestorben, Millionen und Abermillionen glauben es, und erfahren die Wirklichkeit der Erlösung in ihrem Leben. Doch das sind die Themen von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten.

Dr. Hans Frisch

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