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Schulstreit Evolution-Schöpfung gesendet am 08.07.2007 von Dr. Hans Frisch
 

Der Streit um Darwins Evolutionstheorie wächst wieder

„Darwin - und der Streit findet kein Ende“, könnte man meinen, wenn man in die letzten Zeitungen schaut. Da hat doch allen Ernstes eine Kultusministerin - die von Hessen - gefordert, der Schöpfungsbericht sollte auch im Fach Biologie zum Thema werden. Die Diskussion wächst und wächst wie ein Hefeteig - wenn man genauer hinschaut, wohl deshalb, weil ziemlich viele sich ziemlich aufblasen. Sogar die Demokratie sei in Gefahr, heißt es – und das im Europarat.

Also - da gibt es christliche Fundamentalisten und Kreationisten, die lehnen die Evolutionstheorie ab, weil Gott die Welt geschaffen habe. Manche von denen schicken ihre Kinder nicht mehr in staatliche Schulen, weil sie dort vom Glauben an Gott abgebracht werden. Die anderen versuchen ihre Kinder zu immunisieren gegen die Evolutionslehre, zum Beispiel durch Literatur von kreationistischen Wissenschaftlern, von denen es eine ganze Menge gibt - besonders in Amerika. Wenn man in solche Literatur hinein schaut, dann sieht da alles sehr wissenschaftlich aus, und mancher Jugendliche wird sich davon überzeugen lassen.

Wenn die ideologische Ausrichtung das Denken bestimmt

So wie wir in der DDR in der Schule Literatur, Politik, Wissenschaft vom sozialistischen Standpunkt aus darstellen mussten, ohne dass wir es glaubten (und die meisten Lehrer es so darstellen mussten, ohne es zu glauben) - so werden solche Schüler die Evolutionslehre annehmen und darstellen (entgegen ihrem Glauben), wenn sie denn die Schule erfolgreich abschließen wollen. Bei uns bestanden durchaus Drohungen für die, welche das Spiel nicht mitmachten und ihre wahre Überzeugung äußerten - ich versuche mir vorzustellen, wie einem kreationistischen Schüler zu Mute sein muss, wenn er seine Überzeugung im Unterricht rauslässt. In der DDR war das System begründet, denn es ging um Klassenkampf - Toleranz galt als Verrat. Die Äußerungen, die jetzt laut werden, klingen auch nach Klassenkampf! Die aufgeklärte Klasse der naturwissenschaftlich Denkenden gegen die Klasse der Dunkelmänner, die hinter die Zeit der Aufklärung zurück wollen - Neutralität wäre da Verrat an dem mühevoll erkämpften Raum der Freiheit, (die natürlich nicht gilt für die Feinde der Freiheit, oder für die, welche dazu erklärt werden).

Müssen wir wirklich vor fundamentalistischer Unterwanderung Angst haben?

Also, wie furchtbar ist die Forderung der Kultusministerin wirklich? Besteht die Gefahr, dass plötzlich die Menge der Schüler erkennt, dass die Evolutionstheorie, trotz aller wissenschaftlichen Beweise, eine Theorie bleibt und deshalb prinzipiell hinterfragt werden kann; dass sie deshalb den Kreationisten auf den Leim gehen (die behaupten, nicht eine Theorie zu vertreten sondern die absolute göttliche Wahrheit zu haben); dass sie ihre wissenschaftliche Weltsicht über Bord werfen und damit in das Fahrwasser geraten, in dem ein angeblich fundamentalistischer amerikanischer Präsident geradewegs in einen Krieg gesegelt ist?

Das klingt fast so absurd, wie manche Behauptungen der Kreationisten. Vielleicht wäre etwas gewonnen, wenn Schüler mit kreationistischer Prägung ihre Überzeugung (zum Thema Evolution) offen und angstfrei aussprechen könnten, wenn sie ernst genommen würden und sich so mit den überzeugenden Argumenten für eine Evolution beschäftigen müssten. Durch die jetzt laufende aufgeblasene Diskussion müssen sie sich als unaufgeklärt, unwissenschaftlich, ja als ignorant abgestempelt empfinden. Und wer das in Kauf nimmt, der ist eigentlich arrogant - selbst wenn er meint, die gesamte Wissenschaft auf seiner Seite zu haben (eigentlich stellt er sich ja nur auf die Seite der Wissenschaft, zu der er kaum etwas beigetragen hat). Es wird Zeit einmal genauer hinzusehen um was es da geht, wir wollen es nach der Musik versuchen.

* * * Musik * * *

Die Fronten sind klar

Um was geht es bei der gegenwärtigen Diskussion über den Vorschlag der hessischen Kultusministerin eigentlich? Die Fronten sind klar:

Wissenschaft wehrt sich gegen Schöpfungsglaube („die Welt in sieben Tagen“), gegen Mythenglaube („ein Gott hat aus Lehm den Menschen gebildet und ihm seinen Odem eingeblasen“), gegen Ignoranz (die gesamte Geologie, Biologie, Kosmologie, ja sogar die Atomphysik wird als falsch angesehen) und noch einige andere Bedrohungen.

Nun gibt es das tatsächlich. Einen Professor kenne ich persönlich, der behauptet:

Zunächst hat Gott die Erde geschaffen (im leeren Kosmos), danach das Licht (woher auch das immer kam), dann hätte er am zweiten Tag den Himmel über die Erde gewölbt, am dritten Tag Meer und Kontinente getrennt und die Pflanzen geschaffen, danach am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne - auf einen Schlag, dann Fische und Vögel und am sechsten Tag die Tiere und den Menschen. Am siebenten Tage ruhte er - und das alles vor knapp 6000 Jahren.

Die ganzen geologischen Schichten sind entstanden durch die Sintflut vor 5.000 Jahren. Eine Evolution hat nicht stattgefunden, dafür hätte ja auch die Zeit nicht gereicht.

Auf die Frage: „Wie kommt es, dass nach 6.000 Jahren das Licht von Sternen in Milliarden Lichtjahren Entfernung schon hier ist?“ antwortete er: „Das hat Gott so gemacht!“

„Ob denn eine Supernova in 24 Millionen Lichtjahren Entfernung schon lange vor der Erschaffung explodiert ist, oder ob die Entfernung beziehungsweise die Lichtgeschwindigkeit um den Faktor 4.000 falsch sind?“ Auf die Frage antwortete er: „Von der Astronomie verstehe ich nicht viel.“

Klar, dass Professor Kutschera nach einem Gespräch mit ihm den Kreationismus für Unfug hält, der auf keinen Fall in den Unterricht gehört. Doch von der Sorte Kreationisten gibt es (zumindest bei uns) relativ wenige.

„Intelligent Design“

Andere Kreationisten erkennen durchaus die lange Zeit die Erdgeschichte an, sie sehen, dass eine Entwicklung der Arten stattgefunden hat, doch meinen sie, etwas so Komplexes und Differenziertes wie das Leben in all seinen Gestalten und der Mensch, der das erkennen kann, so etwas kann nicht durch „blinden Zufall“ entstehen, ein intelligenter Designer muss es da am Werk gewesen sein. „Intelligent Design“ nennt man diese Richtung - und die Vermutung ist ja nicht absurd. Der Glaube an einen „blinden“ Zufall fällt manchem angesichts der Welt wie sie ist und beim Blick in den Spiegel nicht leicht.

Bin ich Geschöpf oder ein Zufallsprodukt?

Für die Deutung des Lebenssinns macht das schon ein Unterschied, ob ich gewollt bin von einem Schöpfer (der dann auch von mir etwas will, z. B. Wahrhaftigkeit, Güte, Treue), oder ob ich ein Zufallsprodukt bin. Wer sich diese Frage schon einmal ernsthaft gestellt hat, der weiß wie quälend sie werden kann. Eigentlich sollte es in der Diskussion darum gehen, ob eine solche Frage in der Schule auftauchen darf oder auftauchen sollte - die Frage, nicht eine feste Antwort. Wer diese Frage verbieten will, der verteidigt nicht Werte der Aufklärung, sondern greift auf unzulässige Weise in die geistige Entwicklung junger Menschen ein.

* * * Musik * * *

Ich glaube an Gott, den Schöpfer

Wer mich kennt oder meinen Beitrag zum Schöpfungsbericht im November 2000 gehört hat (und sich noch daran erinnert) der weiß: Ich glaube an Gott den Schöpfer, ich halte den Kreationismus mit 6.000 Jahren für Unsinn und „Intelligent Design“ für überflüssig.

Wenn Gott die Welt geschaffen hat, dann ist alles, was in der Welt gefunden, entdeckt und erkannt werden kann, seine Schöpfung. Da brauchen wir nicht nach Spuren zu suchen, wo er denn noch mal in den Ablauf eingegriffen hat um etwas zu steuern oder zu richten. Wenn er (im Schöpfungsbericht) sagt: „Die Erde lasse hervorgehen“, dann lässt die Erde hervorgehen „Gras und Kraut und fruchtbare Bäume“ - wie die Archäologen und die Biologen beschreiben, ganz gleich, ob sie Gottes Stimme wahrnehmen oder nicht. Und so auch bei den Fischen und Vögeln, bei den Säugetieren und dem Menschen.

In der Wissenschaft kommt Gott prinzipiell nicht vor

Wer aus der Tatsache, dass er die Stimme Gottes nicht gehört hat, schließt und behauptet: „Da ist kein Gott“, der spricht einen Glaubenssatz aus, nicht eine wissenschaftliche Erkenntnis. Ein gläubiger Wissenschaftler kann prinzipiell zu keinem anderen wissenschaftlichen Ergebnis kommen als ein nicht gläubiger, und auch er kann über Gott nur Glaubensaussagen machen. Das heißt: In der Wissenschaft kommt Gott prinzipiell nicht vor.

Die Aufklärung hat uns von der Bevormundung durch Kirche und Religion befreit

Wer sich für sein Selbstverständnis und für sein Weltbild auf die Naturwissenschaft beschränkt, der braucht nach Gott nicht zu fragen. Die Geschichte zeigt, dass eine solche Haltung aber durchaus nicht zu besseren Verhältnissen und zum wirklichen Fortschritt der Menschheit führt. Die große Leistung der Aufklärung war, dass sie das rationale Denken von der Bevormundung durch Kirche und Religion befreit hat, doch das Versprechen von Freiheit, Frieden und Glück hat sie (bis jetzt) nicht eingelöst.

Evolution und Glaube

Um wieder zum Thema Evolution und Schöpfung zu kommen. Niemand braucht wegen seines Glaubens an Gott die Evolution zu leugnen (er darf es, wenn er will); niemand kann aus der Evolution einen Beweis gegen Gott ableiten (er kann es behaupten, wenn er will). Aus der Wissenschaft eine Ideologie zu machen ist genauso schlimm, wie aus der Religion, denn Ideologien blockieren das Gespräch und verhindern Beziehungen. Und damit kommen wir zum Kern unserer Überlegungen. Ein wissenschaftlicher Beweis ob es einen Gott gibt ist genauso wenig möglich wie der Beweis, dass es keinen Gott gibt - beide Aussagen sind Glaubenssätze. Aus dem Satz „Gott ist“ folgen Konsequenzen für das Selbstverständnis und für das Leben - aber nur, wenn dieser Gott Beziehung zu mir hat oder ich Beziehung zu ihm finden kann. Aus dem Satz „Gott ist nicht“ folgt nichts dergleichen. Es geht also weniger um die Existenz eines Gottes (selbst wenn er der Schöpfer der Welt wäre) als um die Frage einer Beziehung zwischen Gott und Mensch. Eine solche Beziehung darf für unser Denken die Freiheit des Menschen nicht einschränken, so wie die Beziehung der Liebe nur in Freiheit lebendig bleibt. Es müsste also dieser Gott sich dem Menschen offenbaren in einer Weise, die dieser begreift, die ihn zur Antwort ermutigt und ihm die Freiheit lässt zum Ja und zum Nein.

Gottes Offenbarung

Wer die Bibel liest, aufmerksam und aufgeschlossen, der kann dort genau diese Offenbarung erleben, als Prozess einer sehr bewegten und oft dramatischen Geschichte, in der auf weite Strecken das Nein des Menschen überwiegt. Schließlich fokussiert sich das Geschehen in der Person von Jesus, und sein Opfertod am Kreuz ist die endgültige Offenbarung und das Angebot der bedingungslosen Liebe dieses Gottes. Jeder darf es annehmen und jeder darf es ungestraft ablehnen. Was es ins Leben bringt, das kann nur der erfahren, der es annimmt - wie es bei der Liebe eben ist.

Dr. Hans Frisch

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