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Zu dumm, um beleidigend zu sein

MTV strahlt alle Folgen von "Popetown" aus

Szenenbild aus "Popetown"

10.05.: MTV wird alle Folgen der umstrittenen Cartoonserie „Popetown“ ausstrahlen. Dies teilte der Musiksender am Dienstag, 09.05.2006, mit. "Unser Urteil basiert zum einen auf den Reaktionen der Zuschauer, die sich klar für eine Ausstrahlung ausgesprochen haben, zum anderen auf der Einschätzung der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, die die bisher eingereichten Episoden von 'Popetown' als rechtlich unbedenklich eingestuft hat", begründete MTV-Programmdirektor Elmar Giglinger laut einem Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Jugendschützer ändern Bewertung von "Popetown"

Die für Privatsender zuständige Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat sich für einen Sendetermin ab 22 Uhr ausgesprochen. Auch die erste Folge der MTV-Kirchensatire "Popetown" hätte nach Ansicht der KJM erst ab 22 Uhr gezeigt werden dürfen. Dies teilte die KJM am Freitag nach Prüfung des am Mittwochabend ausgestrahlten Zeichentrickfilms mit. Die zehnteilige Serie war zuerst von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) zur Sendung ab 20 Uhr freigegeben worden.

"Popetown" könnte bei Kindern zu Verunsicherung führen

Die Jugendschützer begründeten ihre veränderte Beurteilung laut dem Onlineportal "Netzeitung" damit, dass insbesondere Kinder unter 14 Jahren "in ihrer religiösen Orientierung nicht so gefestigt" seien, dass sie sich "von der verzerrten Darstellung der Kirche und des katholischen Glaubens distanzieren" könnten. "Das Lächerlichmachen zentraler Einrichtungen und Prinzipien des katholischen Glaubens kann zu einer nachhaltigen Verunsicherung und Desorientierung dieser Altersgruppe führen", erklärte die KJM. Daher sei "Popetown" erst für eine Sendezeit nach 22 Uhr geeignet.

Untersagen wollen die Jugendschützer eine Ausstrahlung um 20 Uhr jedoch nicht. Die erste Folge von "Popetown" war im Rahmen einer Live-Diskussion, die um 21.30 Uhr begonnen hatte, ab 21.55 Uhr ausgestrahlt worden.

Landgericht: "Popetown - Zu dumm, um beleidigend zu sein"

Kurz vor Ausstrahlung der ersten Folge hatte das Landgericht München den Antrag auf einstweilige Verfügung des Erzbischöflichen Ordinariats München abgewiesen. In der Begründung des Gerichts hieß es, die Sendung sei "zu dumm, um beleidigend zu sein". Sie bedrohe nicht den öffentlichen Frieden.

Erstausstrahlung mit Diskussionsrunde

Am Mittwoch, 03.05,2006, strahlte der Musiksender MTV die erste Folge der vieldiskutierten Comic-Serie "Popetown" ausgestrahlt. Vor der Ausstrahlung der ersten Folge begann bei MTV bereits die zweistündige Diskussionsrunde. Es ging darum, ob die satirische Cartoon-Serie, die bisher nur in Neuseeland gezeigt wurde, in Deutschland gesendet werden sollte. Nach etlichen Zuschauerbefragungen, zwei Umfragen auf den Straßen von Berlin und München und einigen, nicht genauer definierten "repräsentativen Haushaltsbefragungen" konnten sich die Zuschauer selbst ein Bild von der Zeichentrickserie für Erwachsene machen.

Was zeigt Poptown?

Zu sehen war ein Papst, dargestellt als infantiler Trotzkopf mit Kinderstimme, der Verstecken spielt und dabei die Zeit vergisst. Die einfältige Nonne Maria und Vater Niklas, persönlicher Assistent des Papstes, mühen sich nach Kräften ab, den Spieltrieb des Kirchenoberhauptes einzudämmen. Während der Papst aus Versehen in der heiligen Hostienfabrik festgehalten wird und dort Brei zu Hostien klopfen muss, organisiert Vater Niklas ein Papst-Double für die 11 Uhr-Messe. Wie sich herausstellt, ist der Doppelgänger ein Jude, der die Messe gehörig aufmischt und mit neuen Elementen füllt. Glaubensinhalte wurden in dieser Folge nicht thematisiert.

Meinungen zu Popetown

In der anschließenden Live-Diskussion kristallisierten sich zwei Fragen heraus: Verletzt Popetown die Gefühle der Christen? Wie weit darf Satire gehen?

FSK: Diese Serie bringt niemanden vom Glauben ab

Der Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, Joachim von Gottberg, zeigte sich überrascht von der Heftigkeit der öffentlichen Diskussion: "So etwas hatten wir bei einer Zeichentrickserie noch nie." Die Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen sähen in dem Format keine Gefahr, dass Kinder oder Jugendliche vom Glauben abgebracht würden. Allerdings dürfen etliche Folgen erst nach 20 Uhr ausgestrahlt werden, denn "Kinder unter 12 Jahren können Satire nicht richtig zuordnen."

BDKJ-Vorsitzender sieht Gefühle von Katholiken verletzt

Dirk Tänzler, Vorsitzender des Bundes der Deutschen katholischen Jugend (BDKJ), sieht durch die Serie die Gefühle von Katholiken verletzt. Obwohl er etliche Aspekte der Folge bedenklich fand, sieht er einer eventuellen Ausstrahlung gelassen entgegen: "Sollte die Serie ausgestrahlt werden, werden sich die jungen Leute eine eigene kritische Meinung bilden."

Malteser: Destruktive Häme und Religionsveralberung haben die Gesellschaft in die Sackgasse geführt

Der Geschäftsführende Präsident des Malteser Hilfsdienstes, Johannes Freiherr Heereman, warnt vor der geplanten MTV-Serie "Popetown": "Diese Form von satirischer Unterhaltung auf Kosten von Papst, Kirche und Katholizismus ist beleidigend und verkörpert ein antiquiertes Geschmacksniveau." Die Serie dürfe daher nicht ausgestrahlt werden, fordert Heereman.

Die Redakteure des Jugendsenders MTV lädt Heereman ein, bei der Malteser Jugend neue Inspiration zu suchen. "Sie finden dort junge Menschen, die auf Werte und Spiritualität setzen. Genau das, was dieses Land jetzt und in Zukunft braucht." Destruktive Häme und Religionsveralberung dagegen, so Heereman, hätten die Gesellschaft in die Sackgasse geführt. (Presseinfo 12.04.2006)

Es herrscht Einigkeit darüber, dass die MTV-Werbung "Lachen statt rumhängen" die Gefühle der Gläubigen verletzte

Einigkeit herrschte bei allen Anwesenden darüber, dass die Anzeige mit der MTV vor Ostern für Popetown geworben hatte, zentrale Inhalte des christlichen Glaubens lächerlich gemacht und die Gefühle der Gläubigen verletzt hat. Die Werbung zeigte Jesus, der vom Kreuz herabgestiegen war und in einem Fernsehsessel saß. Betitelt war das Bild mit: "Lachen statt rumhängen". Die Kirchen und der Deutsche Werberat hatten die MTV-Werbekampagne kritisiert. MTV hat die Kampagne aufgrund der Proteste inzwischen abgesetzt.

In der Live-Diskusionsrunde wurden per Video noch andere Beispiele für die Darstellung von Religion in den Medien gezeigt. Beispielsweise eine Jesusfigur in der Comicserie "South Park", in der Jesus eine eigene Talkshow anbietet und die Führer der Weltreligionen als "meine besten Freunde" bezeichnet. Derartige Inhalte wurden bisher in der Öffentlichkeit nicht diskutiert.

MTV-Moderatorin Mirjam Weichselbraun prophezeite außerdem den "nächsten handfesten Skandal", der mit dem Kinofilm "Sakrileg" von Dan Brown vor der Tür stehe.

Mit Konfrontation das Interesse der Öffentlichkeit geschürt

Auf den Punkt brachte es der Journalist Michael Hanfeld, Chef der Medienredaktion im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAZ): Die Aufregung verleihe der Serie "zu viel Ehre" für eine derart "herausragend schlechte" Comicserie. Die Amtskirche habe dem Sender MTV mit ihrer Empörung einen großen Gefallen getan. Hanfeld sieht in der Werbekampagne ein auf Konfrontation angelegtes Sender-Kalkül, mit dem Ziel, das Interesse an der Sendung zu schüren.

Der RTL-Freitag-Nacht-News-Moderator Henry Gründler während der Live-Diskussion auf MTV nach Ausstrahlung der ersten Folge von "Popetown"

Fazit

Die Popetownserie ist inhaltlich absolut flach, Popetown ist wirklich zu dumm, um beleidigend zu sein und auch zu dumm, um Impulse zu geben. Der Protest gegen die Ausstrahlung ist für die (katholische) Kirche ein Imageverlust, für MTV ein image-Gewinn. Der RTL-Freitag-Nacht-News-Moderator Henry Gründler brachte es auf den Punkt:

"Die Kirche kann von Glück reden, dass sie nicht härter dran genommen wurde." Die haben Schlimmeres verbrochen.

Henry Gründler ließ mich am Schluss der Sendung um 22.59 Uhr noch einmal aufhorchen, als er sagte:

"Gott ist so groß, der erträgt ja alles. Sogar religiöse Eiferer, sogar die ganzen Religonen. Ich glaube, mit solchen Ersthaftigkeiten sollte man sich auseinader setzen."

 

Sendetermine

Die weiteren neun Folgen der BBC-Serie werden
ab Mittwoch, 10. Mai, im Wochenrhythmus um 21.30 Uhr gesendet und
jeweils samstags um 21.30 Uhr wiederholt.

Quellen: jesus.de, medienmagazin-pro-Newsletter, Malteser-Presseinfo und eigene Recherche

Autor: Uwe Schütz, AREF, 10.05.2006

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