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Fundamentalismus
gesendet am 28.09.03 von Dr. Hans Frisch
 

Ist jeder, der ein klares Bekenntnis formuliert, ein Fundamentalist?

Ein Wort hat die Welt verändert - Terrorismus. Eine Ursache hat das Übel - Fundamentalismus. Auf einen so einfachen Nenner wird das sehr komplexe Geschehen oft gebracht - und die Bösen sind dann die "Fundamentalisten" - meist die islamistischen Fundamentalisten.

So wie wir bestimmten Hunderassen mit größtem Misstrauen begegnen, weil einige von verbrecherischen Haltern zu Kampfhunden gemacht werden, so trifft ein Generalverdacht jede Form von Fundamentalismus, oder das, was man dafür hält. Generell wird er mit Religion in Verbindung gebracht, und schon das klar formulierte Bekenntnis eines Glaubens erweckt oft den Verdacht.

Dass auch andere Weltanschauungen, politische, ethische, philosophische, wissenschaftliche oder sonstige Überzeugungen, fundamentalistisch vertreten und missbraucht werden können, dafür bietet die jüngere Geschichte ja ein gewaltiges Anschauungsmaterial - in Ost und West. Es lohnt sich schon, einmal in Ruhe hinzuschauen auf den Begriff, der da gebraucht wird, zum Urteilen und oft zum Verurteilen. Fast 100 Jahre ist er alt - und er hat tatsächlich einen religiösen Ursprung.

Das Fundament wurde durch moderne Theologie zerstört

Als am Anfang des 20. Jahrhunderts in der Theologie die "historisch kritische Methode" sich immer mehr durchsetzte - bei der die Bibel untersucht und erforscht wird, wie jedes andere historische Buch, wobei Mythen, Legenden, Sagen und Märchen aufgezeigt werden, historische Unstimmigkeiten auftreten, von den biblischen Personen wie Mose und Jesus wenig Konkretes übrig bleibt - und als die Wissenschaft ein völlig anderes Bild der Erdenentstehung, und seit Darwin auch der Menschwerdung, entwickelte und zunehmend bewies, da kam es bei gläubigen Christen in Amerika zu einer Besinnung und Berufung auf die Fundamente des Glaubens. Sie organisierten sich und gaben eine Schriftenreihe heraus - in 12 Bänden - "The Fundamentals". Deshalb bekamen sie den Namen Fundamentalisten.

Nun darf man das ja glauben - auch ich glaube es - doch sehr bald wurde sichtbar, welche Konflikte durch den Fundamentalismus ausgelöst werden.

Weil die Kinder dieser gläubigen Christen in der Schule mit der Evolutionstheorie unterrichtet wurden, starteten sie einen Kreuzzug gegen die Evolution - und fanden Verbündete in der Politik, besonders unter Rassisten. Erst 1968 wurden vom Obersten Gericht der USA alle Gesetze, die den Unterricht der Evolutionstheorie einschränkten, für ungültig erklärt.

Für die Fundamentalisten ist das aber nicht das Ende des Kampfes. Abtreibung, Prostitution, Pornographie und Feminismus sind weitere Kampffelder der christlichen Fundamentalisten - wobei Gott sei Dank nur sehr selten geschossen oder gesprengt wird.

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Der Begriff Fundamentalismus kommt von "Fundament"

Der Begriff Fundamentalismus kommt von "Fundament" - und sollte damit eigentlich etwas Gutes bedeuten, die Grundlage, auf der etwas steht und gebaut wird, etwas Bleibendes, Festes. So sahen es wohl zunächst auch die Gründer der fundamentalistischen Bewegung.

Aber der Grund, auf dem der Glaube seit jeher ruhte und auf den die Gemeinde Jesu gebaut ist, dieser Grund wurde nun zerstört durch die moderne Theologie und die moderne Wissenschaft.

Dass die Erde nicht mehr im Mittelpunkt der Welt steht, von der Sonne und allen Sternen umkreist, das war inzwischen allen klar. Aber, dass der Mensch ein Säugetier unter den anderen Säugetieren ist, dass er vom Affen abstammen soll, das widerspricht der Schöpfungsgeschichte der Bibel - und außerdem kann man aus den Altersangaben im Alten Testament berechnen, wie alt die Erde ist.

In die genau 5.763 Jahre (heute beginnt im jüdischen Kalender das Jahr 5.764) passt keine Evolution, die Millionen Jahre gedauert hat. Also muss es ganz anders gewesen sein! Was die Geologen da an Schichten und Zeitaltern finden, es ist alles eine Folge der Sintflut vor 5.000 Jahren.

Wie wird aus Glaubensfundament Fundamentalismus ?

Es sind schon eindrucksvolle Konstruktionen und Deutungen, die beweisen sollen: die Bibel hat doch recht. Und je stärker und umfassender die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wurden, um so mehr wurde aus der Klärung der Glaubensfundamente der Fundamentalismus - und je mehr die Fundamentalisten sich gegenseitig in ihren Überzeugungen bestärkten, um so mehr grenzten sie sich von den andern ab. Nicht nur die Gegenargumente gegen ihre Überzeugungen, sondern auch die Argumente für ein wissenschaftliches Weltbild wehrten sie ab als Angriff auf das Wort Gottes und den Glauben.

Weil das Wort Gottes die absolute Wahrheit ist, deshalb sind auch die Gebote Gottes absolut gültig - wenigstens einige. Eine Gesellschaft, die sich nicht daran hält, ist gegen Gott und dass immer mehr Menschen danach nicht mehr fragen, ist ein Zeichen für die Endzeit, in der dieses ja geschehen wird.

So sind Fundamentalisten immun gegen alle Argumente und Zweifel.

Man könnte es ihnen ja gönnen, doch meist führt eine solche absolute Überzeugung zur Intoleranz. "Wer nicht glaubt wie wir ist ungläubig" - das ist noch die mildeste Form. "Wer die Evolutionstheorie lehrt, verführt unsere Kinder", das klingt schon härter. "Wer Schwangerschaftsabbruch betreibt, ist ein Mörder" - das hat schon einigen Gynäkologen das Leben gekostet. So sind wir von dem Ursprung des Begriffs auf den christlichen Fundamentalismus gekommen. Doch der ist das längst nicht der einzige und bestimmt nicht der schlimmste.

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Jeder braucht Fundamente

Nicht nur der Glaube an Jesus Christus hat Fundamente - eigentlich braucht jede echte Überzeugung Grundlagen, die feststehen. Auch heute noch halten manche Menschen im Osten an den Fundamenten des Sozialismus fest - obwohl Fundamentalisten im Namen dieser Grundlage unsägliches Unheil angerichtet haben. Doch viele ihrer Opfer hielten stand, weil ihre Überzeugung, ihr Glaube, auf festen Fundamenten ruhte.

Wir müssen übereinkommen, dass nicht schon der feste, auf unveränderlichen Grundlagen ruhende Glaube fundamentalistisch zu nennen ist, sondern das intolerante, aggressive, gewaltsame Vertreten oder Ausbreiten dieses Glaubens. Sonst wäre unser Grundgesetz fundamentalistisch mit seinem absoluten Grundsatz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Auch daraus könnten Fundamentalisten die Berechtigung ableiten, gegen Embryonenforscher oder ihre Institute vorzugehen.

So wie christliche Glaubenaussagen fundamentalistisch verstanden und missbraucht werden können, ist in allen Religionen (und allen Weltanschauungen) Fundamentalismus möglich. Zur Zeit steht der Islam dabei besonders im Blickpunkt - das wird zur Genüge in allen Medien gezeigt und diskutiert.

Unser Schwiegersohn ist Architekt. Im Gespräch mit ihm über Fundamente wurde uns einiges klar: Jeder Bau braucht eine Grundlage, welche die Last aufnimmt - sie ist unsichtbar im Erdreich. Erst eine Grundlage auf der etwas gebaut wird, ist ein Fundament. Die Grundlage, auf der eine Säule steht, ist ein Sockel. Wenn die Säulen aber zu einem Gewölbe verbunden werden, dann werden die Sockel zum Fundament der Kirche - sie halten die Last aus, so dass die Spannungen im Gewölbe stabil bleiben. Nur wenn jede Säule fest gegründet an ihrem Platz steht, hat die Kathedrale Bestand.

Für mich ist das ein gutes Bild für die Kirche Christi: Jede Konfession, jede Gemeinschaft sollte ihre Grundlagen gewissenhaft bewahren, prüfen, klären - und die Spannung zu den anderen Säulen aushalten. Die Last ruht auf dem Fundament, das Gott selbst gelegt hat: "Denn einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus".

Dr. Hans Frisch

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