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Der Untergang

gesendet am 17.10.2004 von Dr. Hans Frisch
 

Bernd Eichingers Film "Der Untergang" unter der Lupe von Dr. Hans Frisch

Bruno Ganz als Adolf Hitler
© 2004 Constantin Film, Münchenntin Film Verleih GmbH

Wieder einmal ist ein Film im Gespräch - nicht so oft und so intensiv wie die "Passion Christi", wahrscheinlich weil er um einiges besser ist: "Der Untergang".

"Wozu soll man sich einen solchen Film ansehen, warum ist er gedreht worden?", mit der Frage gingen wir aus dem Kino. Ja, es ist beeindruckend, wie meisterhaft Bruno Ganz den Adolf Hitler dort im Bunker spielt, so muss der gewesen sein. Doch was hat uns das zu sagen, was geht uns das heute an ?

Was gehen uns die letzten Tage Hitlers an ?

Es dauerte eine ganze Weile, bis eine Erklärung auftauchte: "Da wird das Idol einer neofaschistischen Bewegung in aller Ehrlichkeit und Deutlichkeit entzaubert". Weil keinerlei Spott, Ironie oder Karikatur dabei ist, weil der Führer so real als Mensch gezeigt wird, dass fast Mitleid aufkommt, deshalb könnte sein Nimbus (den er selbst zitiert im verzweifelten Bemühen um Selbsterhaltung) auch bei einfältigen Bewunderern verblassen.

"Wie konnte das geschehen, dass ich da mit gemacht habe?"

Alexandra Maria Lara als Traudl Junge, Hitlers Sekretärin
© 2004 Constantin Film, München

Eingerahmt ist der Film von den Fragen und Erklärungsversuchen einer Frau, die im Film gewissermaßen sich selbst erlebt - Traudl Junge, Hitlers Sekretärin.

Stellvertretend für viele fragt sie sich: "Wie konnte das geschehen, dass ich da mit gemacht habe?" Und am Schluss nimmt man ihr ab, dass sie sich keiner Schuld bewusst war - bis sie ein Plakat zu einer Ausstellung über Sophie Scholl und die weiße Rose sah. Da erkannte sie, dass Sophie genauso alt war wie sie. In dem Jahr, als sie die Stelle bei Hitler antrat wurde Sophie Scholl wegen Widerstandes gegen das Naziregime hingerichtet. "Ich hätte eigentlich auch wissen können, was ich nicht wusste" - dieser Gedanke hat sie seitdem begleitet.

Fast zufällig bekommt die junge Sekretärin die Stelle im Führerbunker und bleibt im zunehmend katastrophalen und eigentlich absurden Geschehen so etwas wie "Bezugspunkt zur Normalität" - das kann hier nicht erzählt werden, das muss man sehen. Gerade durch diesen Bezugspunkt wird sichtbar, wie weit vom Normalmenschlichen die dort agierenden Personen entfernt sind. Und da bekommt der Film eine beklemmende und für mich aktuelle Dimension: Da sind tapfere, aufrechte, anständige Männer als hoch dekorierte Offiziere einem Wahnsinnigen gefolgt bis in den Untergang, haben Millionen junger Menschen in den Tod geschickt, weil der Führer es befohlen hat; haben sich bis zuletzt an ihren Eid und ihr Versprechen gebunden gefühlt und fanden es ehrenvoll, ihr Leben zu opfern.

Im direkten Gegenüber der Generäle zu dem zeitweise schon wahnsinnigen Führer kommt unwillkürlich die Erwartung an den Film: "Die erschießen den jetzt und machen der Katastrophe ein Ende". Doch wider besseres Wissen werden unsinnige Befehle ausgeführt (nicht alle - Albert Speer hat die befohlene Zerstörung aller wichtigen Einrichtungen nicht ausgeführt - doch er beichtet seinem Führer diesen Ungehorsam zum Schluß noch).

Als Hitler schon tot ist und der allerletzte Widerstand zusammenbricht, da erschießt sich ein deutscher Diplomat noch, weil er dem Führer versprochen hatte, nicht lebend den Russen in die Hände zu fallen. Es ist beklemmend - nach der Musik wollen wir die Frage versuchen, ob es auch aktuell ist.

* * * Musik * * *

Warum gehorchen sie ?

li. Christian Berkel (Professor Schenck, Arzt in der Reichskanzlei) und André Hennicke (SS-Gruppenführer Wilhelm Mohnke) © 2004 Constantin Film, München

Wenn man nicht wüsste, dass der Film den Untergang Hitlers historisch präzise darstellt, man würde ihn für absurdes Theater halten. Da stehen kampferprobte, hoch dekorierte tapfere Generäle, die völlig klar die Aussichtslosigkeit des weiteren Kampfes sehen - wahrscheinlich schon seit Monaten - sie stehen vor einem kranken Mann, der zeitweilig richtig verwirrt ist, und nehmen Befehle entgegen, die nicht nur unsinnig sind sondern auch Leid und Tod für viele bringen - und sie gehorchen. Sie gehorchen nicht aus Angst, nicht aus Überzeugung, nicht weil sie sich einen Nutzen daraus versprechen. Warum gehorchen sie? Das ist sie beunruhigende Frage, die der Film stellt.

"Untergang", das ist das Ende der Geschichte an deren Anfang dieser Gehorsam entstanden ist und die nur durch diesen Gehorsam ihren Verlauf nehmen konnte.
Lasst uns phantasieren: Da ist ein junger Mann voller Begeisterung in den ersten Weltkrieg gezogen, als Freiwilliger. Er hat sich ausgezeichnet durch Tapferkeit und militärischen Erfolg und wurde Offizier. Nach dem Kriegsende wurde aus seiner Soldatenehre eine Schande, wie für viele andere. Diese fanden zusammen.

"Freikorps" nannten sich die Vereinigungen derer, die Soldaten bleiben wollten, auch nach dem Krieg. Bald wurden sie gebraucht - im Baltikum kämpften sie gegen die "Rote Gefahr". Sowjetrussland hatte Litauen und Lettland besetzt. Auch gegen die "Rote Gefahr" im Inneren wurden sie eingesetzt. Die Revolution in München wurde mit ihrer Hilfe niedergeschlagen. Anerkennung bekamen sie von Hitler und seinen Anhängern. Lassen wir unseren jungen Offizier mit 26 Jahren in die NSDAP eintreten. Selbstverständlich bewährt er sich auch in der Reichswehr, in dem Heer der Weimarer Republik. Er erlebt den wirtschaftlichen Abstieg mit Inflation, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise - und wie sehr vielen Deutschen erscheint ihm Adolf Hitler als Retter. Begeistert marschiert er mit, erlebt die Reichsparteitage in Nürnberg, ist ergriffen von der Fahnenweihe im Luitpoldhain - und im weihevollen Lichtdom schwört er in seinem Herzen dem Retter da oben auf der Tribüne ewige Treue. Als der große Krieg gegen die "Rote Gefahr" im Osten beginnt, da steht der an der Spitze seiner Truppen, und die schnellen Siege bestätigen die Weisheit des Führers.

Hitler sprach die religiösen Bedürfnisse an

v.li. Christian Berkel (Professor Schenck), Alexander Held (Walter Hewel, Botschafter des Außenministeriums), Alexandra Maria Lara (Traudl Junge), André Hennicke (Wilhelm Mohnke)^© 2004 Constantin Film, München

Als der Krieg sich wendet und die Zahl der Opfer in den eigenen Reihen wächst, da wird die Treue geprüft. Doch er bleibt fest. Dann ist das Ende sichtbar - doch jetzt den Glauben verlieren, das würde das Opfer so vieler seiner Soldaten nicht nur als sinnlos, sondern sie (und sich selbst) zu Mithelfern eines Verbrechers erklären - das ist ihm nicht möglich. So bleibt der Offizier unserer Fantasie "in Treue fest" auch in der Katastrophe, im Untergang - eigentlich ein tragisches Schicksal.
Wer im Dokumentationszentrum die Bilder und Filme sieht von den Reichsparteitagen in Nürnberg, der kann etwas spüren von der Begeisterung und dem religiösen Ernst, mit dem Adolf Hitler als Retter begrüßt und angenommen wurde. Und für Menschen, die orientierungslos und hoffnungslos die zwanziger Jahre durchlebt hatten, die nur oberflächlich als die "goldenen 20er" erschienen, für solche Menschen war der Führer ein messianischer Retter. Ganz gezielt sprach er die religiösen Bedürfnisse und Bereiche in den Menschen an, wenn er verkündete: "Die Vorsehung hat beschlossen...", wenn er von "Heiligkeit" und "Erlösung" sprach, wenn die Feiern zu heiligen Festen wurden mit Hymnen und Glaubensbekenntnis. Weil diese religiösen Bedürfnisse und Bereiche der Menschen leer waren, konnte er sie füllen und so Macht über sie gewinnen. Wie absolut diese Macht werden kann, das zeigt die Geschichte und das zeigen nicht nur die Selbstmordattentäter in unserer Zeit.
Nun könnten wir uns zufrieden zurücklehnen in der Überzeugung: "Religion ist in der westlichen Welt eine Randerscheinung, von da droht keine Gefahr".

Religiöse Defizite ermöglichen den Missbrauch

Es war nicht die Religion, es war nicht lebendiger Glaube, was die Nazis missbrauchten, es waren die religiösen Bedürfnisse, die religiösen Anteile die jeder Mensch hat. Und da wird für mich die Frage des Films beklemmend aktuell: Verbindliche Religion und lebendiger Glaube sind eine Randerscheinung in unserer westlichen Welt. Welche Möglichkeiten ergeben sich aus den unbefriedigten religiösen Bedürfnissen, aus den leeren religiösen Anteilen der vielen Menschen für einen Mißbrauch ?

Der Aufmarsch überzeugter Neonazis läßt etwas ahnen, von dem, was kommen kann - aber ganz andere Szenarien sind denkbar, und vieles, was scheinbar nicht damit zusammenhängt und in die Katastrophe führen kann, hat letztlich hier die Wurzeln - in der fehlenden Verbindlichkeit des Religiösen und in den unbefriedigten tiefen Bedürfnissen, die mit Erfolg, Reichtum und Macht nur oberflächlich zu stillen sind.

Nicht die Verdrängung des Religiösen bannt die Gefahren sondern die bewusste Klärung - und die ist im christlichen Abendland nur möglich in der Klärung unserer Beziehung zu Jesus Christus. Das wäre ein Thema für eine neue Sendung "Religion und Glaube".

Dr. Hans Frisch

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