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Tabus gesendet am 19.02.2006 von Dr. Hans Frisch
 

Tabu-Bruch 1779

Fast auf den Tag genau vor 227 Jahren, am 14. Februar 1779, wurde auf Hawaii ein Mann erschlagen, erstochen und ertränkt: Captain Cook. Er hatte sich heldenhaft gewehrt gegen die Eingeborenen. Einige Monate früher war er auf seiner Forschungsreise durch die Südsee auf die Insel gestoßen, war empfangen worden und verehrt wie ein Gott, war dann weiter nach Norden gefahren um eine Nordwestpassage zum Atlantik zu suchen und mußte umkehren am Eis der Arktis.
Als er nach Hawaii zurückkam, landete er in einer heiligen Bucht, während eines heiligen Festes - und verletzte unwissentlich ein Tabu.

Er wusste, was ein Tabu ist - durch seine Reisebücher ist dieses Wort der Südseeinsulaner erst im Westen bekannt geworden. "Ta pu" - etwas heiliges, was nicht berührt, nicht betreten, nicht benutzt werden darf von nicht entsprechend geheiligten, geweihten Personen. Nichtwissen schützte da vor Strafe nicht - und auf Tabuverletzungen stand die Todesstrafe, selbst für einen so verehrten Mann wie Captain Cook.

Die Karikaturen 2005 in Dänemark - ein Tabubruch ?

Da haben ein paar Zeichner in Dänemark Bildchen gemacht, die eine Zeitung druckte - und Millionen Menschen in den islamischen Ländern drohen mit Tod, zerschlagen Fensterscheiben, stecken Gebäude in Brand, verbrennen Fahnen - unbegreiflich für uns - so wie der Tod ihres Kapitäns für die Mannschaft auf der Resolution unbegreiflich war - denn sie wussten nicht, was ein Tabu ist.

Was ist ein Tabu ?

Tabu ist immer verbunden mit dem Heiligen, ja, es ist ein Teil, gewissermaßen die Grenze des Heiligen, die es vom Profanen trennt.

Die islamische Reaktion auf die Karikaturen erweckt den Eindruck: Hier ist ein Tabu verletzt worden - gewollt oder ungewollt - und die erschreckende Reaktion braucht uns eigentlich nicht zu überraschen, auch wenn wir sie nicht verstehen können.

* * * Musik * * *

Wenn man die Diskussionen um den Karikaturenstreit betrachtet, da werden im wesentlichen zwei Seiten sichtbar:

Auf der einen Seite: Absolut unverständlich und absolut abzulehnen ist die Reaktion in den islamischen Ländern.

Auf der anderen Seite: Da ist ein Tabu verletzt, etwas Heiliges geschändet worden und die Reaktion ist entsprechend, (wobei die Gewalttätigkeit nicht zu akzeptieren ist).

Wenn tatsächlich die Heiligkeit des Propheten im Islam so absolut ist, dass einige Zeichnungen im fernen Dänemark zum Aufstand führen, dann wäre das zweite Argument richtig, das mit dem Tabu. Doch kaum einer von denen, die da gewalttätig protestieren, hat die Bilder gesehen. Das eigentlich schlimmste Bild stellt gar nicht den Propheten dar, sondern einen bärtigen Bauern mit einer spaßigen Schweinemaske. Bei einem Wettbewerb auf einer Landwirtschaftsausstellung in Südfrankreich fotografiert wurde es ist aus einer Zeitschrift entnommen. Muslime waren es, die dieses Bild als angebliche Darstellung des Propheten ausgegeben haben !

Karikaturen richteten sich nicht gegen den Propheten, sondern gegen den Missbrauch seiner Botschaft

Die Zielrichtung der Karikaturen ging eigentlich nicht gegen den Propheten sondern gegen den Missbrauch seiner Botschaft im Terrorismus, der auch von vielen Muslimen verurteilt wird. Das Foto von dem Bauern mit Schweinemaske wäre allerdings eine massive Beleidigung, keine Zeitung hätte das als Darstellung des Propheten gedruckt !

Es gibt frühe Vorläufer dieser Geschichte

Es gibt frühe Vorläufer dieser Geschichte. 1235 wurde ein Gerücht verbreitet, die Juden hätten Hostien aus den Kirchen gestohlen und sie mit Nadeln durchbohrt - es sei Blut heraus getropft.

Ein raffiniertes Gerücht: wurde doch durch das tropfende Blut bestätigt, dass diese Hostien tatsächlich der heilige Leib Christi sind - "und diesen heiligen Leib haben die Juden geschändet!" Es reichte jedenfalls für schlimme Pogrome.

Wie kommt es zu Massenprotesten ?

So wurden jetzt 12 Bilder, die eine terroristische Deutung des Islam in Frage stellen, zusammen mit Bildern, die angeblich den Propheten verspotten in einer Broschüre mit entsprechendem Text versehen und zu politischen und religiösen Führern in den islamisch regierten Ländern gebracht. Von hier aus ging der Ruf an die Massen: "Der Westen hat den Propheten geschändet."

Wer den religiösen Ernst der gläubigen Muslime sieht und die Geschlossenheit ihrer Religion, der wird sich nicht wundern über den massenhaften Aufschrei und Protest. Und wer sich nicht vorstellen kann, wie daraus Gewalt wird, der sollte einmal beim Fußballspiel gegen eine feindliche Mannschaft bei deren Fans üble Karikaturen von ihrem besten Spieler verteilen; oder in einer Demonstration von Rechten diese als "braune Schweine" (beziehungsweise von Linken die als "rote Schweine") darstellen. Denn irgend etwas ist den meisten doch noch heilig, und da können Tabureaktionen schlimm werden, besonders, wenn sie sich in der Masse verstärken.

* * * Musik * * *

Wir könnten uns weiter einmischen in die heiße Diskussion - eigentlich in den Streit, ja fast schon den Kampf um die Karikaturen - ohne Aussicht auf Verständigung. Das ist nicht unsere Aufgabe und unsere Absicht, und dazu fehlt uns die Kompetenz. Doch um Verstehen dürfen und sollen wir uns bemühen, auch wenn es sehr schwierig ist.

Zweiteilung der Menschheit

Zunehmend wird eine Zweiteilung der Menschheit sichtbar - die islamische Welt und "der Westen". Es ist nicht die Trennung zwischen Islam und Christentum, sondern vielmehr die Trennung zwischen einer Gemeinschaft von Menschen, die in der Heiligkeit ihres Glaubens verbunden sind und den Völkern, die nichts Entsprechendes haben, was sie verbindet. Schon deren Existenz ist für fromme Muslime ein Ärgernis, erst recht, wenn die westliche areligiöse Weltanschauung als vorbildlich hingestellt und aggressiv verbreitet wird. Und wer die religiöse Gleichgültigkeit als Toleranz bezeichnet und stolz darauf ist, der wird kaum die andere Seite verstehen können.

Gewalt wird auch von vielen Muslimen verurteilt

Auf keinen Fall kann die Gewalt bei den islamischen Protesten bejaht werden - und sie wird von vielen Muslimen ebenfalls verurteilt - doch auf jeden Fall sollten die religiösen Gefühle und Überzeugungen, das Heilige der anderen respektiert und geachtet werden. Es wird nicht ausbleiben, dass hier und da ohne Absicht solche Gefühle und Überzeugungen verletzt werden - da ist Toleranz gefordert und Gespräch notwendig.

Allerdings ist kaum etwas vor dem Missbrauch zu schützen, und je kostbarer etwas ist, um so schlimmer ist der Missbrauch - am schlimmsten, wenn heiliges missbraucht wird. Wir stehen vor einer dramatischen Zuspitzung: Karikaturisten haben (wahrscheinlich ungewollt) islamische Gefühle verletzt, islamische Funktionäre haben (wahrscheinlich absichtlich) die Verletzung noch durch Verfälschung verschärft - und die erwartete Reaktion ausgelöst. Die einen haben ihre fehlende Absicht und die anderen die Verfälschung zugegeben, doch diese Botschaft kommt bei den in Aufruhr geratenen Massen nicht an - im Gegensatz zu den Parolen derer, die am Aufruhr interessiert sind aus verschiedenen Gründen.

Was ist mir heilig ?

Was helfen da unsere Überlegungen? Allenfalls, und das sollten sie, können wir uns um Klarheit bemühen für unsere eigene Haltung und unsere eigenen Urteile. Wir können versuchen zu klären: "Was ist mir heilig?" Und wir würden ein Gefühl dafür bekommen, was Toleranz bedeutet, wenn das mir Heilige in Frage gestellt oder verletzt wird.

Wenn alles die gleiche Gültigkeit für mich hat, dann wird alles gleichgültig - das ist nicht Toleranz.
Das gewaltigste Beispiel für Toleranz ist Jesus, der Missverstehen, Feindschaft und den Tod am Kreuz ertragen hat, damit Missverstehen und Feindschaft zwischen den Menschen und Gott und zwischen den Menschen ein Ende finden.

Auch der furchtbare Missbrauch dieser Botschaft, dieses Opfers, in den Jahrhunderten hat ihrer Wahrheit nicht vernichtet - aber dieser Missbrauch hat die Illusion eines "Christlichen Abendlandes" aufgelöst.

Nicht ein Volk oder eine Masse kann Christ sein, sondern immer nur ein einzelner Mensch - so wie eigentlich auch nur jeder Moslem für sich selbst fromm sein kann.
Meine Erfahrung ist, dass da, wo das so ist, gute Gespräche möglich sind und Toleranz fast selbstverständlich ist.

Dr. Hans Frisch

mehr bei uns :
Gewalttätige Proteste gegen Karikaturen

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