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Fußball-WM 2006 - Nachlese

gesendet am 23.07.2006 von Dr. Hans Frisch
 

Die Fußballweltmeisterschaft ist vorbei, alle Entscheidungen sind gefellen, alle Kommentare sind gesprochen oder geschrieben, die Zahl der schwarz-rot-goldenen Fahnen an den Autos nimmt ab, Klinsmann überlässt seine Mannschaft einem Nachfolger und die wahrscheinlich noch wichtigeren Themen kehren auf die Bildschirme zurück.

Hätte die deutsche Mannschaft ihr Spiel so souverän und intelligent gemacht, wie der Netzer seine Kommentare - sie wären glatt Weltmeister geworden. Doch, besser als der Ausgang war, hätte er nicht sein können - denn im Finale hätte es nur zwei Möglichkeiten gegeben: ein Sieg, und aus dem wunderbaren Freudentaumel im Halbfinale wäre ein Triumphgeschrei geworden - oder eine deprimierende Niederlage. So oder so, der warme Glanz des Spieles gegen Portugal wäre nicht als Abschluß geblieben, und die bravouröse Abschlußleistung von Oliver Kahns letztem Spiel bliebe nicht so in der Erinnerung - vielleicht auch nicht seine noch größere Leistung, als er vor dem Elfmeterschießen von der Bank zu Lehmann ging und ihm von Torwart zu Torwart Mut zusprach, und ihm damit wohl die Angst nahm vor den Folgen eines möglichen Versagens. Auch für Klinsmann war dies einer der großen Momente in dieser Meisterschaft.

"Wie willst du darüber etwas in AREF sagen an einem Sonntag nach Trinitatis?" fragte eine Freundin, als ich sagte, dass ich die Weltmeisterschaft als Thema nehmen will. Da gibt es schon einige Möglichkeiten. Man könnte das Spiel in der Arena sehen als heiliges Fest, zelebriert von 22 Priestern mit einer begeisterten Gemeinde - und Friedrich Nietzsche fragt in dem berühmten Text, in dem der Satz steht: "Gott ist tot" eindringlich: "Welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen, um uns zu trösten?"

Wir können auch fragen: "Was bleibt von der Begeisterung die das Land durchbraust hat? Wie viele Beziehungen sind danach geheilt, wie viele Ängste vor der Zukunft sind vergangen, wie viel Misstrauen und Feindschaft sind aufgelöst worden? Kurz: War es ein heiliger Geist der die Massen bewegt hat?"

Das letzte Fest im Kirchenjahr ist Pfingsten - das Fest des Heiligen Geistes. Auch damals war es eine Massenveranstaltung dort in Jerusalem, nicht so gewaltig wie im Stadion von Stuttgart, aber der Tempelplatz war wohl voll an diesem jüdischen Feiertag zur Erinnerung an die Gesetzgebung am Sinai. Dort war es ja nicht nur um die 10 Gebote gegangen sondern um den Bundesschluß Gottes mit diesem Volk.

Auch die Jünger sind jetzt dabei im Tempel, 50 Tage nach der Kreuzigung ihres Jesus und noch ganz erfüllt von den Erlebnissen nach Ostern, als Jesus ihnen eigenartig begegnet war als Auferstandener und ihnen erklärte, daß sein Tod nicht eine Katastrophe war sondern der Sieg. Und jetzt kommt wie ein Sturm und wie Feuer die Begeisterung über sie. Die einen Beobachter meinen: "Die sind betrunken", die anderen verstehen, was die da reden.

Und dann spricht Petrus, es ist die erste christliche Predigt, und 3.000 bekehren sich zum Glauben an Jesus Christus und lassen sich auf seinen Namen taufen.
Der Unterschied zu der Begeisterung im Stadion ist: Hier sind es 3.000 Einzelne, die sich entscheiden, die Buße tun, jeder für seine eigene Schuld und Sünde, die Vergebung erfahren und die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Und dieser Unterschied in der Begeisterung, das könnte ein Thema sein für einen Sonntag nach Trinitatis.

* * * Musik * * *

Manchen mag der Vergleich zwischen einem Fußballstadion und dem Tempelplatz zu Pfingsten in Jerusalem ärgern - denn die Begeisterung hier und dort ist nicht nur völlig verschieden, sondern entgegensetzt. Denn eine Begeisterung die mich mitreißt ist etwas völlig anderes als ein Geist der mich bewegt und erfüllt weil ich eine zentrale, endgültige Entscheidung getroffen habe. Und auch da gibt es noch Unterschiede, je nach Art dieser Entscheidung. Da lieferten sich Menschen den Naziidealen aus, in bester Absicht für das Volk, oder der sozialistischen Idee, in Hingabe für ihre Klasse, und ließen sich bestimmen vom Geist dieser Ideologien bis zur Selbstaufopferung oder auch zur Aufgabe ihres Gewissens.Ein heiliger Geist war das nicht, im Gegenteil.

Der Heilige Geist war von Jesus verheißen worden, kurz vor seinem Tod am Kreuz. Nach Ostern begriffen die Jünger, daß dieser Tod für sie geschehen war, als Beweis der absoluten Liebe und Gnade Gottes. Da erfüllte sie der Geist des heiligen Gottes.
Nach der Predigt des Petrus begriffen es viele ebenfalls, und sagten Ja zu dem Opfertod Jesu - sie ließen sich taufen.

In dieser frühen Gemeinde, da war ein geistliches Leben, wie wir es uns kaum vorstellen können. Sie lebten in einem Urkommunismus, der nicht entstanden war durch Klassenkampf sondern aus der Liebe Gottes in der alle gleich sind.

Dass ein solcher Kommunismus nicht überlebensfähig ist, das hat die Gemeinde in Jerusalem bald erfahren. Doch, dass Menschen, die sich mit Jesus Christus verbinden einen Geist bekommen, der sie verändert und sie bewegt, so dass die die Liebe und Gnade Gottes erleben, das ist so geblieben bis heute.

Aber gehen wir noch einmal ins Stadion. Vielen wird das so gehen wie mir: ich sehe da Spieler, die ein Können und eine Leistung zeigen, wie ich sie nie erreichen könnte - und kaum einer von den Millionen Zuschauern. Ich fühle mich, hinter aller Begeisterung, klein und unbedeutend im Vergleich zu denen. Mein Trost kann sein, daß es den andern Millionen auch so geht. Dann sehe ich Leistungen auf der Bühne oder am Instrument, genauso unvorstellbar meisterhaft mit verdientem Applaus und Honorar, und weiß, dass ich niemals den Applaus von Massen bekommen werde. Die Medien sorgen dafür, daß wir diese Erfahrung immerzu machen können oder machen müssen.

Unser Selbstbild und unser Selbstbewußtsein werden davon sicher angefochten. Manche Reaktion oder Handlung wird dadurch unbewußt beeinflußt, etwa die überschießende Antwort auf eine Beleidigung oder eine Depression nach einer Demütigung.

So kann ich auch verstehen, was mich zunächst überrascht und irritiert hat: Nicht wenige antworteten auf meine ausgesprochene Bewunderung für die Spieler mit dem Hinweis: "Bei dem, was die bezahlt kriegen!" Als ich von der schönen Geste Oliver Kahns bei Lehmann vor dem Elfmeterschießen sprach, antwortete ein Mann: "Die haben ja alle ihre Imageberater."

So kann man die Gefahr für das eigene Selbstbewußtsein angesichts der überragenden Leistung abwehren.
Das erinnert mich an ein Erlebnis und an eine Erkenntnis, die ich als "Nazarethschlüssel" bezeichne.
Ich war bei meiner ersten Reise nach Israel, mit einem Firmenvertreter für ein Röntgengerät, von Haifa nach Nazareth gefahren. Der Taxifahrer wartete im Café und wir gingen die Straße zu dem Berghang, an dem die Stadt gebaut ist. Es war ein fast dörfliches Treiben. Sehr beeindruckte mich eine Frau, die aus ihrem Haus kam und über die Straße ging, nur um einem Bettler etwas zu geben.

Am Berg gingen wir auf einer gepflasterten Straßen hoch, eigentlich einer Wasserrinne die in Abständen von einer Seite zur andern überbrückt war. Es waren da kleine Häuschen in Gärten - doch oben, auf der Höhe, da standen Bungalows, wie sie in Nürnberg kaum zu finden sind, allerdings hinter Mauern und geschlossenen Toren.

Die Sonne ging unter, ziemlich plötzlich, wie in Äquatornähe üblich, und wir gingen hinunter, auf einer asphaltierten Straße.
Beim Abstieg merkte ich, wie viel besser die Luft oben auf der Höhe war, deshalb wohnen dort auch die, die es sich leisten können.
Mir kam der Gedanke: "Wenn du in Nazareth wohntest, wo würdest du sein wollen, unten, wo ein Bettler einfach leben kann, oder oben, im teuer erbauten Bungalow, hinter Mauern, mit der Anstrengung den Standard zu halten?"
"Du wärst derselbe, unten und oben!", dachte ich und stellte mir die Frage: "Was ist es, was alle, die unten und die oben, gemeinsam haben?"
Wie in mein Denken gesprochen kam die Antwort: "Jeder muss zu sich selbst Ja sagen können und braucht es, daß die andern zu ihm Ja sagen."
Auf der Rückfahrt nach Haifa, beim Sonnenuntergang über dem Mittelmeer während des Rückflugs, wieder zuhause in Nürnberg dachte ich darüber nach und ich und merkte, daß manches Verhalten und Bemühen der Menschen damit verständlich wird.
Modische Kleidung, ein tolles Auto, eine gute Figur und gebräunte Haut, Schmuck, und und und - das meiste hat damit zu tun, daß wir auf das Ja der andern hoffen - doch müßten wir eigentlich erst das Ja zu uns finden. So wird das oft zum Balanceakt. Zum Glück haben sich Spielregeln etabliert, nach denen wir über die Runden kommen. Wirklich gerettet sind wir aber nur durch das Ja der Liebe.
Das wurde mir zunehmend klar. Und dann entdeckte ich die dunkle Rückseite dieses Spiels, nicht in Nazareth sondern in Neunhof, ich erzähle es nach der Musik.

* * * Musik * * *

Das Schloss in Neunhof mit dem barocken Garten war renoviert und wir gingen zum Eisessen in das Schloßcafé. Unser kleiner Sohn Johannes war dabei.
Am Nachbartisch saß ein Mann, allein Es war sicher nicht das erste Bier das er trank. Er bemühte sich, Kontakt zu Johannes zu bekommen, er warb um das Ja des Jungen, doch der wollte nicht. Ich beobachtete, wie der Mann unruhig wurde - da ging eine Kellnerin vorbei und er rief ihr zu: "Hast du das gehört von dem, er nannte einen Namen. Also nein! Niemals würde ich so etwas tun. Nein!"

Da sah ich plötzlich die dämonische Umkehr des Nazarethschlüssels: "Wenn du das Ja der anderen nicht bekommst, dann sag nein zu ihnen, damit hast du dich relativ bejaht." Schaut und hört euch um, wie oft ihr das erlebt.

Damals geschah gerade die Geiselnahme des amerikanischen Botschaftpersonals in Teheran. Im Fernsehen sah man die Demonstration der armen Studenten, die sich groß machten mit ihrem lauten Nein gegen das große Amerika.

Wenn euch so ein Nein persönlich begegnet, könnt ihr recht sicher sein, dass der dir das sagt das Ja zu sich selbst nicht schafft, meistens, weil er nicht geliebt wird.
Da sind wir weit weg vom Fußball geraten - doch, haben wir nicht gespürt, wie das kollektive Ja zu uns selbst, das unsere Mannschaft uns mit ihrem Erfolg schenkte, das Ja zu den anderen leicht machte. Das war wohl das größte an diesem Spiel, hoffentlich hält es noch lange an. Das Ja der Liebe, welches wir zum Leben brauchen, das kann es uns nicht geben.

Und jetzt wird es kompliziert: Wir haben betrachtet, wie es mir geht mit meinem Ja zu mir selbst und dem Ja des andern, das ich brauche - doch dem andern geht es mit sich und mit mir genauso, und darum scheitert es oft.

Wenn es da viele gäbe, die sich so stark geliebt wissen, daß sie gar nicht mehr auf das Ja eines anderen warten müßten, sondern frei sind zu lieben, selbst wo sie ein Nein hören, das wäre gut.

Die Botschaft des Evangeliums ist: "Ich liebe dich, nicht weil du so schön oder so gut bist. Da gibt es andere, die sind häßlich und wirklich böse, die liebe ich genau so. Und wenn du siehst, was ich um dieser Liebe willen auf mich genommen habe, dort am Kreuz, dann müßtest du es mir eigentlich glauben. Ich sage ein endgültiges heiliges Ja zu dir - bei Gott, das ist wahr."

Wer das wirklich begreift und ergreift, der müsste froh werden und frei zur Liebe, die anderen hilft, sich selbst anzunehmen.
Ich habe viele solche Menschen kennen gelernt, es dürften aber ruhig noch viele dazukommen. Das Ja Gottes in Jesus Christus gilt allen.

Dr. Hans Frisch