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Fronleichnam
gesendet am 31. Mai 2018 von Uwe Schütz
 

 

 

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Wie es begann

Um das Jahr 1192 wird in der Nähe von Lüttich (Belgien) eine Juliane geboren. Als sie fünf Jahre alt ist, sterben ihre Eltern. Sie kommt als Waisenkind in ein Kloster. Dort muss sie in der Küche helfen, eine Schule bleibt ihr verwehrt.

Aber in ihrer freien Zeit schleicht sich Juliane in die Bibliothek. Die Bücher haben es ihr angetan. Bald kann sie lesen und schreiben. Dass sie sogar Latein lernt, liegt wahrscheinlich nicht an viel Freizeit, sondern an ihrer Begabung.

Die Nonnen merken, was für eine Perle sie da haben und nehmen sie in ihre Gemeinschaft auf. Juliane zeigt bald auch eine ganz besondere Frömmigkeit: Stunde um Stunde kniet sie in der Klosterkirche vor dem Tabernakel, dem Behältnis der geweihten Hostie, dem „Leib Christi“ für katholische Christen.

Am liebsten würde Juliane nur von der Heiligen Hostie leben, aber es wird ihr nur gestattet, täglich bis zum Abendessen nüchtern zu bleiben.

Mit 16 Jahren hat Juliane zum ersten Mal eine Vision, die sich mehrmals wiederholt: Jedes Mal sieht sie einen leuchtenden Mond mit einer dunklen Stelle am Rand. Christus selbst habe ihr die Deutung offenbart: Der Mond sei das Kirchenjahr und die dunkle Stelle zeige, dass da noch ein Fest zu Ehren des heiligen Altarsakraments fehlt, und sie sei berufen, dieses Fest einzuführen.

Bis zu ihrem 37. Lebensjahr behält Juliane dieses Erlebnis für sich. Erst als sie im Kloster zur Oberin gewählt wird, verkündet sie den Auftrag aus ihrer Jugendzeit. Sie stößt überall auf Widerstand, wird verspottet und verleumdet. Schließlich verlässt sie mit einigen ihr treuen Schwestern das Kloster und zieht umher - doch die Verleumdungen verfolgen sie weiter. Nur Jakob von Troyes, ihr Beichtvater und Erzdiakon von Lüttich, hält zu ihr.

 

 

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Fronleichnam wird ein Fest

1246 wird "Fronleichnam" erstmals in der Basilika St. Martin im Bistum Lüttich gefeiert. Jakob von Troyes, der spätere Papst Urban IV, legt den Termin auf den zweiten Donnerstag nach Pfingsten. Die Einführung von Fronleichnam als Fest für die ganze Kirche erlebt Juliane nicht mehr. Sie stirbt mit 67 Jahren (05.04.1258) völlig verarmt in einer kleinen Hütte.

1264, sechs Jahre nach ihrem Tod, wird Fronleichnam von Papst Urban IV. per Erlass zum Fest der Gesamtkirche erhoben und weitere 50 Jahre später wird das Fest durch Papst Johannes XXII für die ganze Kirche verbindlich. 1273 findet im Anschluss an die Heilige Messe in Benediktbeuern die erste Fronleichnamsprozession statt. Sie wird bald zum zentralen Ereignis des Festes. In feierlichem Umzug wird die Hostie in einem prächtigen Behältnis (Monstranz) durch den öffentlichen Raum getragen, mit Gottesdiensten im Freien - auch auf dem Hauptmarkt in Nürnberg.

 

 

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Was bedeutet Fronleichnam?

Fronleichnam ist das katholische Fest, bei dem die leibliche Gegenwart von Jesus Christus in der Eucharistie gefeiert wird. Es wird die heilige Hostie, der „Leib des Herrn“, festlich geehrt. „Fron“ heißt mittelhochdeutsch „Herr“, und „Lichnam“ „der Leib“, der lebendige Leib! So kam das Fest zu seinem Namen „Fronleichnam“.

Das klingt alles schön und friedlich. Die Reformation hat dieses Fest für die protestantische Kirche abgelehnt - Martin Luther wetterte so massiv dagegen, weil es sich biblisch nicht begründen lasse. Martin Luther erklärte 1530: „Ich bin keinem Fest mehr feind … als diesem. ... Es streitet mit seiner Schmink und erdicht’en Heiligkeit wider Christi Ordnung und Einsetzung. [Martin Luther: Auslegung von Joh 6. 1530, Kirchenpostille 1521, Tischreden]

Damit sind wir mitten in einem ernsthaften Konflikt zwischen evangelisch und katholisch angekommen. Die heilige Hostie, der „Leib des Herrn“, wird an Fronleichnam verehrt, wird herumgetragen und Luther meint - auch angebetet.

Der Donnerstag als Festtermin für Fronleichnam steht in enger Verbindung zu dem Donnerstag, an dem Jesus aus Nazareth zum letzten Mal mit seinen Jüngern beim Abendessen saß: Nach dem Mahl nahm er das Brot, brach es und gab es seinen Jüngern mit den Worten: „Nehmt und esst; das ist mein Leib“. Und dann nahm er den Kelch, sprach ein Dankgebet und gab ihn seinen Jüngern und sagte: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“. [Matthäus 26, 26 - 28 (Luther 2017)]

Zu seinem Gedächtnis sollten seine Nachfolger dies tun (Lukas 22,19). Daraus entstanden Eucharistie und Abendmahl. Sie bestehen jeweils aus den Elementen Brot und Kelch. Doch der Kelch „zur Vergebung der Sünden“ ist bei Fronleichnam nicht dabei. Auch in der Eucharistie ist er für die Gläubigen nicht dabei; der Kelch und das Zusprechen von Vergebung ist dem Priester vorbehalten.

  • Die Angst vor der ewigen Verdammnis war früher so allgegenwärtig wie bei uns heute vielleicht die Angst vor Aids oder Krebs. Von dieser Angst seid ihr befreit durch das Blut Jesu Christi, sagt die Bibel.

  • Die katholische Kirche sagt: Von dieser Angst könnt ihr befreit werden durch die Vermittlung der Kirche, denn der geweihte Priester hat Vollmacht zur Sündenvergebung - durch das Blut Christi im Kelch des Abendmahls".

Jan Huss und viele andere, die dagegen wetterten, wurden dafür hingerichtet. Auch Luther kannte die Macht der Kirche, erkannte den Missbrauch des Evangeliums und wetterte dagegen. In der festlichen öffentlichen Feier der Hostie sah er, dass den Gläubigen der Kelch vorenthalten werde. Luther kam wohl deshalb mit dem Leben davon, weil ein Freund ihn auf der Wartburg versteckte.

 

 

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Der alte Konflikt

Die eigentliche Ursache für den Konflikt zwischen katholisch und evangelisch liegt schon in der Geschichte der ersten Christen. Man findet die Auseinandersetzung in der Apostelgeschichte der Bibel:

In Jerusalem und dann auch in vielen anderen Orten hatten sich viele Juden zum christlichen Glauben bekehrt - und Petrus war ihr Bischof. Unter den Juden, die sich zu Jesus Christus bekehrten, war auch Paulus aus Tarsus, der bis dahin die Christen verfolgte.

Paulus brachte das Evangelium zu den Heiden in der griechischen Welt. Viele von ihnen bekehrten sich zu Jesus Christus und zum Gott Israels, ohne Juden zu werden. Und Paulus verlangte auch nicht, dass sie das jüdische Gesetz mit Beschneidung und Speisegeboten halten. Das führte zu Spannungen. Die jüdischen Christen wollten die Freiheit vom Gesetz, nicht einsehen - und Paulus verteidigte diese Freiheit mit aller Kraft.

Bei einem Zusammentreffen in Jerusalem konnten Paulus und Petrus den Konflikt nicht auflösen. Sie gaben sich die Hand darauf, dass dem Petrus das Evangelium für die Juden und dem Paulus das Evangelium für die Heiden anvertraut ist.

Petrus wurde später Bischof von Rom, und mit ihm kam das Evangelium zu den Juden in Rom. Die dortige Entstehung eines zentralen Heiligtums, das Einsetzen eines Hohen Priesters, die Betonung des Gesetzes und die Heilsvermittlung durch die Priester geht auf die jüdische Tradition zurück. Die Päpste, die Nachfolger von Petrus, setzten diese Tradition fort.

Das Evangelium der Freiheit blieb nur im Untergrund lebendig. Erst in der sogenannten Reformationszeit trat es durch Martin Luther auf die Bühne der Geschichte. Doch alle Hoffnung Luthers und seiner Nachfolger, die „Wahrheit des Paulus“ gegen die „Wahrheit des Petrus“ durchzusetzen waren vergeblich - bis heute.

Wenn wir uns genau anschauen, finden wir beide Wahrheiten auch in uns selbst, obwohl sie sich gegenseitig ausschließen:

  • Wer sich seines Heils gewiss ist, weil Jesu Blut alle seine Sünden hinwegnimmt, der merkt: Ich brauche doch Bestätigung für meinen Glauben, Regeln in meinem Leben und mein Glaube an den Heiligen Gott braucht doch auch heilige Räume und Feste.

  • Wer immer brav die Gebote der Kirche einhält, regelmäßig zur Messe und zur Beichte mit Absolution geht, der merkt: Etwas ganz Wesentliches muss doch in mir selbst geschehen - unabhängig von aller äußeren Form und aller äußeren kirchlichen Autorität. Ich persönlich muss doch Beziehung aufnehmen zu dem, der sein Blut für mich vergossen hat.

Wenn sich Geschichte nicht wiederholen soll, dann dürfen wir uns nicht auf „unsere Wahrheit“ berufen, sondern müssen diese Spannung zulassen. Unser Mitarbeiter Dr. Hans Frisch, der einst den Stoff für diese Sendung lieferte, schloss deshalb unsere Fronleichnamssendung 2008 mit folgendem Aufruf:

Liebe evangelische, liebe freikirchliche Zuhörer, freut euch, dass es so schöne katholische Prozessionen und Gottesdienste gibt, auch wenn ihr es nicht verstehen und es eigentlich nicht mitfeiern könnt.

Liebe katholische Zuhörer, freut euch, dass es Christen gibt, die auch ohne eure phantastische Kirche in der verbindlichen Gemeinschaft mit Jesus Christus leben und erlöst sind.

Und wenn ihr euch begegnet, erzählt dem anderen von euch, von eurer Freude, eurer Hoffnung, eurem Glauben und euren Erfahrungen. Denn Fronleichnam, der Leib des Herrn, möchte zur Einheit werden.

Uwe Schütz
nach einem Konzept von Dr. Hans Frisch

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