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EM 2016

gesendet am 26. Juni 2016 von Dr. Hans Frisch
 

Die Fußball-EM - nur ein Geschäft?

In zehn französischen Stadien werden die Spiele der EM ausgetragen – für ca. 2 Milliarden Euro wurden diese auf Vordermann gebracht. Nun bieten sie eine halben Million Plätze. Die sind zwar nicht alle besetzt - doch auf den Fanmeilen in vielen Städten Europas ist viel Platz für viele Menschen. Und das alles, um festzustellen, welche Mannschaft den Ball am häufigsten ins Tor der der anderen Mannschaft bringt - und dabei zu sein. Vielleicht meinst du jetzt: „der hat die Millionen Zuschauer am heimischen Fernseher vergessen". Doch die gehören irgendwie nicht zu dem, wovon ich reden will - obwohl sie für das Geschäft wichtiger sind als die dabei sind – denn sie machen die Einschaltquoten, und damit die Einnahmen durch Werbung.

Grand Stade Lille Métropole

Grand Stade Lille Métropole im Norden von Frankreich an der Grenze zu Belgien
Foto: Von Liondartois, CC BY-SA 3.0, unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

Der Vorläufer des Fußballs war ein religiöses Spiel

Als das Spiel erfunden wurde, vor ca. 3.000 Jahren, da ging es nicht um Werbung. In Mittelamerika war es eher ein Po-Spiel - ein Kautschukball wurde mit dem Gesäß gespielt, nicht in ein Tor, sondern durch einen Steinring an der Wand. Die alten Regeln sind nicht bekannt - es gibt Hinweise, dass eine der Mannschaften nach dem Spiel geopfert wurde, dem Sonnengott. Wir würden meinen, die Verlierer, doch es könnte auch die Sieger getroffen haben – die ähnlich den Selbstmordattentätern eine himmlische Belohnung erwartete.

Mit Sicherheit war es ein religiöses Spiel, wie es in der frühen Menschheit viele gab – und damit kommen wir zu unserem eigentlichen Thema.

Sonnenwende

Stonehenge, das Bauwerk aus Jungsteinzeit, in der Nähe von Amesbury in Wiltshire, England. Seit 1972 treffen sich dort zur Sommersonnenwende Besucher am Steinkreis zu diversen druidischen und neuheidnischen Kulthandlungen.
Foto: simonwakefield auf wikipedia unter Creative Commons Attribution 2.0

Ein sehr weit entfernter Beobachter könnte meinen, überall seien Freudenfeuer entzündet worden wegen des Sieges im Spiel von Dienstag - doch dann wäre ihm wahrscheinlich eingefallen, dass jedes Jahr am 21. Juni solche Feuer leuchten wegen der Sommersonnenwende, schon seit tausenden von Jahren. Auch damals gab es Spiele, die regelmäßig wiederholt wurden, mit vielen Spielern und noch mehr Zuschauern – heilige Spiele an heiligen Orten. Groß war der Aufwand, genau den richtigen Moment zu treffen - besonders bei der Sonnenwende im Sommer und im Winter.

In Stonehenge waren es im vorigen Jahr 23.000 Menschen, die den Sonnenaufgang zwischen zwei bestimmten Steinen am 21. Juli erleben wollten. Das waren sicher viel mehr als vor 6.000 Jahren bei den alten heiligen Festen.

Wozu der Aufwand für einen Sonnenaufgang? Steine bis zu 50 t wurden über 30 km transportiert zu diesem bestimmten Ort, um hier zu einem bestimmten Zeitpunkt heilige Opfer zu bringen und heilige Feste zu feiern.

„Hier und jetzt"

„Hier und jetzt", „hic et nunc" das ist die zentrale Aussage in den Texten von Mircea Eliade, einem bekannten Religionsforscher, zu diesem Thema „heilige Feste" und „heilige Spiele". Ähnliche Anlagen finden sich an sehr vielen Orten, nicht immer aus gewaltigen Steinen, doch immer mit großem Aufwand errichtet.

Musik

Vom Wissen und Erleben mit vielen vereint zu sein

An sehr vielen Orten finden sich auch heute ringförmige Anlagen, mit großem Aufwand errichtet, für heilige Spiele – und sehr viele Menschen kommen zusammen, um dabei zu sein und den heiligen Augenblick zu erleben. – „Hier und Jetzt", beim entscheidenden Tor.

Wozu der Aufwand? Der Aufwand für die Errichtung der Stadien und der Aufwand der vielen, die die Stadien füllen. Es muss etwas Wichtiges sein – und etwas, was tief im Menschen verankert ist und deshalb Massen bewegt, ja, eigentlich Massen bildet.

Das Wissen und Erleben mit vielen vereint zu sein in einem heiligen Moment an einem heiligen Ort, das bringt eine Verbindung, die anders kaum entstehen kann. Die frühen mythischen Reiche in Babylon und Ägypten mit ihren unglaublichen Kulturleistungen sind ohne die Stiftung einer heiligen Mitte in Raum und Zeit – und eines heiligen Herrschers - nicht denkbar.

Der Mensch braucht die Erfahrung einer gemeinsamen Mitte

Der Weg aus dieser Wirklichkeit bis in unsere Zeit, in der jeder seine eigene Mitte finden kann (und finden muss), war lang und schwierig. Es ist fraglich, ob Gesellschaft ohne solche grundlegenden Erfahrungen bestehen könnte.

Die Nachfrage ist gewaltig, wie die vielen Massenevents zeigen - und die Gefahr der Bildung von konkurrierenden und sich bekämpfenden Massen, mit je ihrer eigenen Mitte, wächst.

Der Wert von Spielen mit geregeltem Stellvertreterkampf ist da kaum zu ermessen, besonders, wenn Sieger und Besiegte sich dabei freundschaftlich begegnen und es zeigen.
Schade, dass solche gewaltigen Feste nur durch gewaltige Geschäfte zu bewältigen sind – und damit vom Missbrauch bedroht werden. Sie sind aber kaum durch etwas Anderes zu ersetzen.
Ohne solche Erfahrungen, die eine Zeitstrukturierung und Begeisterung für sehr viele ins Leben bringen, würden die Geschäfte mit Drogen und anderem verderblichen Ersatz noch schlimmer blühen.
Leider ist das befreiende Glücksgefühl beim Tor Schweinsteigers in letzter Minute nicht bleibend (die Ukraine hätte es noch nötiger gebraucht als wir) – die Hoffnung auf die nächsten Spiele, vielleicht sogar auf das Finale und den Sieg bleibt aber lebendig – und wenn das nicht gelingt, auf die nächste EM oder sogar WM.

Ohne Hoffnung wäre es hoffnungslos.

Musik

Hat Fußball etwas Heiliges?

Da könnte mancher nervös geworden sein, dass in einem christlichen Sender vom Fußball geredet wird (und anderen Massenevents) – und mancher Christ könnte sich ärgern, dass ich Fußball und Heiligkeit verbinde.
Zum Ersten: Niemand kann erwarten, dass ein denkender Mensch, Christ oder nicht, sich nicht Gedanken macht zu einem solchen Massenereignis wie die EM.

Zum Zweiten: Christen (und andere Religionen) haben das Heilige nicht im Alleinbesitz (wenn sie es denn überhaupt besitzen). Allgemein könnte man sagen: „Heilig ist mir, wofür ich Opfer bringe". Und: „Dem ist nichts heilig“ ist ein vernichtendes Urteil. Doch das ist für das wirklich Heilige zu flach.

Der sakrale Raum – das „Fanum" – ist vom Raum davor, dem „Profanen" durch eine Tabugrenze geschieden – hier kann nur der Priester vermitteln, und der stellt sein ganzes Sein in den Dienst am Heiligen.

Da braucht es keine große Fantasie, die Fußballprofis als „priesterlich" zu sehen. Sie investieren ihr Leben weitgehend in ihren Dienst. Sie agieren jenseits einer Grenze, die wir je überschreiten könnten – da muss kein Tabu unsere Mitwirkung verbieten.

Bei der „Wandlung" in der Eucharistie wird aus einem einfachen Stück Brot etwas mächtig Befreiendes – so ähnlich wurde am Dienstag eine der vielen Chancen „verwandelt" zum befreienden Siegestor – doch dazu brauchte es einen Müller und einen Gomez!

Was ist mir heilig?

Auch das mag manchem ärgerlich erscheinen – wir müssen Klartext reden: Im priesterlichen Dienst der Spieler geht es um die Erbringung des Sieges – und der Moment der Entscheidung wird erlebt als „Hier und Jetzt", das macht ihn kostbar und wichtig.

Bei dem Ereignis, dass in der Eucharistie, im Abendmahl, einfach im Gottesdienst oder im Gebet geschieht, geht es um einen Sieg, der errungen wurde, für mich und dich.

Jesus hätte sich einfach seinen Richtern entziehen können, doch er blieb in Gethsemane, allein, bis Judas mit dem Verhaftungstrupp kam und das Finale seinen Lauf nahm, ans Kreuz. Die Jünger schliefen. Er blieb, weil er nicht eine Botschaft zu überbringen hatte, sondern die Botschaft war (und ist). Nicht für Massen - für jeden Einen, denn die Botschaft ist: „So sehr bist Du geliebt". Johann Sebastian Bach hat das Finale unübertrefflich vertont: – – „und schließt den Kampf: es ist vollbracht.“

Auf unserer Homepage ist ein Link zu der YouTube-Aufnahme als Video:

https://www.youtube.com/watch?v=K_QAoanXntw

Heute Abend wird es im Stadion von Lille lauter werden - hoffentlich mit deutschem Jubel. Bis zum Finale in Paris bleibt dann noch einige Zeit zum Hoffen und Beten.

Die leise Botschaft: „Es ist vollbracht“ tönt kraftvoll schon durch zwei Jahrtausende - wie lange wird wohl Sieg oder Niederlage bei der EM im Bewusstsein der Menschheit bleiben?

Dr. Hans Frisch

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