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Toleranz

gesendet am 11. Januar 2014 von Dr. Hans Frisch
 

Jahreslosung 2015

„Nehmt einander an,
wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Römer 15, 7

Das ist die Jahreslosung für 2015.

„Nehmt einander an“ - das ist die Losung, ausgegeben von Politik, von Medien, von Kirchen und vielen Menschen guten Willens in ihrem Widerstand gegen PEGIDA.

Aufruf von PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) auf Facebook
Aufruf von PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) auf Facebook

„Nehmt unsere Sorgen und Ängste ernst“ - so ist der Grundtenor bei Befragungen von Menschen in der PEGIDA Montags-Demo in Dresden. Nur mit Mühe konnte der Reporter des NDR den Islam zum Thema machen - allenfalls Koran-Zitate „gegen die Ungläubigen“ wurden von einigen zitiert - die meisten hatten keinen Kontakt zum Islam und keine Kenntnisse von dieser Religion.

10.01.2015, 16:28 Uhr: Kundgebung für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog im Miteinander am 10. Januar 2015 auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden
10.01.2015, 16:28 Uhr: Kundgebung für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog im Miteinander am 10. Januar 2015 auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden (Anti-Pegida) Foto: Dr. Bernd Gross, bei wikipedia.de unter Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Aber die Nachrichten und Bilder vom Kämpfen und Morden der IS kennen alle, auch von jungen Europäern, die sich der IS anschließen. So können mit dem Begriff „Islamisierung des Abendlandes“ diffuse Ängste geweckt und Mitläufer gewonnen werden - besonders, weil im „Abendland“ auch der Kontakt zum Christsein und die Kenntnisse der christlichen Religion bei den meisten recht dürftig sind.

Für diese Problematik ist die Jahreslosung überhaupt nicht geeignet - oder vielleicht doch?

Paulus schreibt seinen wichtigen Brief an die Christengemeinde in Rom - und er ermahnt sie, sich gegenseitig anzunehmen. Die Ermahnung ist nötig, denn es sind Spannungen und Trennungen entstanden . Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der isst kein Fleisch. Wer alles isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht alles isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen. Der eine hält einen Tag für höher als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei in seiner Meinung gewiss. Wer auf den Tag achtet, der tut's im Blick auf den Herrn; wer alles isst, der isst es im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht alles isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch.
Da hatten (auch in Rom) Juden Christus angenommen als ihren Erlöser - doch warum hätten sie plötzlich Schweinefleisch essen sollen?

Ihr wichtigster Tag der Woche war der Sabbat - ein Tag der Ruhe und des Gebets, warum hätten sie ihn nicht mehr halten sollen?
Den Heiden, die Christus annahmen, war das fremd - und warum hätten sie es übernehmen sollen?

Doch alle sind angenommen von Christus - zum Lobe Gottes - („zu Gottes Herrlichkeit“ in anderen Übersetzungen). Wenn Gott sich über beide freut (und über alle die Christus annehmen - besser: die sich von Christus annehmen lassen) - wie sollten wir uns nicht untereinander annehmen?

Wenn wir von christlichem Abendland reden, dann nennen wir im Grunde die Gemeinschaft, die daraus entstanden ist und durch gegenseitige Annahme immer wieder entsteht. Wie gewaltig der Riss geworden ist, den Paulus damals gesehen hat und durch seine Mahnung schließen wollte, das zeigt die Kirchengeschichte durch die Jahrhunderte - nicht erst im dreißigjährigen Krieg.

Wir könnten meinen, inzwischen ist der Riss im Abendland geschlossen durch die Toleranz - doch ist wohl ein großer Teil der Toleranz einfach Gleichgültigkeit. Nicht selten fühlt sich die Gleichgültigkeit angegriffen, wenn sie dem Bekenntnis des Glaubens begegnet. Wiederholt ist es mir geschehen, am deutlichsten bei Klassentreffen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Die Andeutung eines ernst genommenen Glaubens löste fast wütende Abwehr aus, mit der Begründung: „Wir mussten uns gegen die Weltanschauung des Kommunismus wehren - wir lehnen jede Missionierung entschieden ab!“ Einige davon hatten sich durchaus nicht entschieden gewehrt in der DDR (sonst hätten sie ihre Karriere nicht machen können).

Im Namen der Toleranz entwickelt die Gleichgültigkeit oft einen fast aggressiven missionarischen Eifer. Doch Toleranz kommt von „tolerare“, „ertragen“. Es bedeutet: den andern ertragen, ihn annehmen in seinem Anderssein.

Musik

Nehmt einander an - einer den andern, den der anders ist, anders denkt, anders glaubt – ertragt ihn. Das wäre ein klarer Aufruf zur Toleranz - doch Paulus sagt mehr und Wichtigeres: „Nehmt euch an, wie Christus euch angenommen hat.“ Er spricht zu Menschen, die sich von Christus annehmen ließen, und deshalb von Gott angenommen sind.

Von den Problemen: „Schweinefleisch ja oder nein?“, „Sabbatruhe ja oder nein?“ sind wir weit entfernt - aber: „Ist die geweihte Hostie der Leib Christi und darf ein nicht katholischer Christ an der Eucharistie teilnehmen?“ Das ist durchaus noch eine offene Frage für viele.

Die Speisegebote für die Fastenzeit dürften uns nur noch wenig beunruhigen - jedenfalls viel weniger als die Muslime im Ramadan. Bei uns kann jeder „nach seiner Fasson“ selig werden, das ist ein weit verbreitetes Credo - meist ist es das Glaubensbekenntnis der Ungläubigen. Doch Paulus geht es um die Gemeinschaft der Gläubigen - trotz verschiedener Anschauungen in Einzelfragen - und echte Gemeinschaft entsteht nur, wo gemeinsame Überzeugungen entstehen - eigentlich: wo ein gemeinsamer Glaube vereint (und wenn es der Glaube an den Wiederaufstieg des Clubs ist).

„Sieg des Glaubens“ hatte Leni Riefenstahl ihren Film über den zweiten Reichsparteitag der Nazis in Nürnberg genannt. Wer sehen will, welche Kraft ein gemeinsamer Glaube entfesseln kann, der sollte sich den Film in YouTube anschauen. Da ist ein Phänomen, eigentlich eine Grundtatsache der menschlichen Gesellschaft sichtbar - und die, welche stolz ihre ganz eigene Fasson behaupten, können überraschend schnell in den Sog einer Massenbewegung gezogen werden.
Die Gemeinschaft, zu der Paulus spricht, ist nicht begründet in gemeinsamen Grundbedürfnissen nach Gruppenbildung (die durchaus auch bestehen und sichtbar werden in verschiedenen Gruppierungen), sondern sie ist entstanden aus der Verbindung jedes Einzelnen zu Jesus Christus - oder besser: aus der Beziehung die Jesus Christus zu jedem Einzelnen eingegangen ist, zum Lob Gottes.

Es ist wohl die einzige menschliche Massenbewegung die nicht einem großen Menschen als Führer folgt.
Trotz vieler, zum Teil furchtbarer Verführungen innerhalb und außerhalb der Kirche ist die Gemeinde der Liebe Christi lebendig geblieben. Die Ermahnung des Paulus aus der Anfangszeit ist aber immer wieder und immer noch notwendig und wichtig: „Nehmt einander an, mit allen Verschiedenheiten mit allen Meinungsunterschieden trotz aller verschiedenen Konfessionen - denn Christus hat euch angenommen, alle. Zu Gottes Ehre.“

Musik

Ich merke wieder einmal, wie schwierig ein Beitrag für AREF sein kann. Eine Sendung der evangelischen Freikirchen über die Jahreslosung am Sonntag um elf - da sind fast alle Freikirchler im Gottesdienst und hören nicht Radio. Aber die Losung wendet sich an fromme Christen.

Demonstration gegen Pegida auf dem Max-Joseph-Platz in München (22. Dezember 2014)
Demonstration gegen Pegida auf dem Max-Joseph-Platz in München (22. Dezember 2014) Foto: Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright“ bei wikipedia.de

Man könnte sie als Aufforderung zur Toleranz verstehen – und da würde sie zu den wachsenden Demonstrationen gegen PEGIDA passen – doch so hat Paulus seine Ermahnung nicht gemeint.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Toleranz ist eine der Grundforderungen der Freikirchen gewesen - und diese Forderung war ein Grund für ihre anfangs blutige Verfolgung – denn es war die Forderung nach Trennung von Staat und Kirche in einer Zeit der Staatskirchen. Ziel der Freikirchen ist nicht die Entstehung oder Bewahrung des „christlichen Abendlandes“, sondern Bewahrung und Wachstum der Gemeinde Christi. Der Eintritt in diese Gemeinschaft ist jedem freigestellt - und jeder ist eingeladen, das Angebot Gottes in Christus Jesus anzunehmen.

Das eigentliche Anliegen unserer Sendung ist, das Interesse an diesem Angebot zu wecken, Vorurteile abzubauen, zum Nachdenken einzuladen. Wirkliche Toleranz entsteht nicht durch Aufmärsche und Transparente, Fahnen und Parolen, sondern nur im Gespräch – doch das braucht Vertrauen auf beiden Seiten, und das ist nicht zu befehlen, nicht zu erzwingen und oft nur sehr schwer zu leisten.
Es ist eigentlich Glauben.
Auch dieser Glaube hat seine Märtyrer, eine ganze Reihe aus der Anfangszeit der Freikirchen - in unserer Zeit zum Beispiel Martin Luther King, ein Baptistenpastor.

Liebe fromme Christen - uns gilt diese Jahreslosung, es ist eine Ermahnung: „Nehmt einander an - katholisch oder evangelisch, freikirchlich oder pfingstlerisch, fundamentalistisch oder liberal und was es sonst noch an Unterschieden gibt – nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“

Liebe Kirchenchristen, die ihr getauft, konfirmiert, vielleicht auch christlich getraut seid und einmal kirchlich bestattet werden wollt - und treu die Kirchensteuer zahlt - aber zu der Mehrheit gehört, die dafür sorgt, dass die Kirchen sehr selten voll sind. Nehmt das Angebot eurer Kirche, den Dienst eurer Pfarrer und Priester, die Einladung zum Gottesdienst (nicht nur am Heiligabend) an - habt Anteil an der Gemeinschaft eurer Kirchengemeinden.

Liebe Kirchenferne und Ungläubige - ihr habt vielleicht gute Gründe auf Distanz zu gehen. Vielleicht fehlen euch aber Gründe, euch mit Glauben, Bibel und Gemeinde zu befassen. Besonders euch gilt meine Einladung: Nehmt einmal an (rein theoretisch) „Gott ist“ und die Religionsgeschichte der Menschheit ist die Geschichte seiner Offenbarung an den Menschen. Dann könntet ihr vielleicht erkennen: Diese Offenbarungsgeschichte kommt an ein Ziel mit der Botschaft: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn - das liebste was er hat - dahingab, um dieser Liebe willen“. Jesus ist für diese Botschaft gestorben. Nur wer diese Botschaft kennt, kann ein gültiges „Ja“ oder „Nein“ dazu sagen.

Ich habe das Vertrauen zu euch, dass ihr meine Einladung ernst nehmt - es ist auch die Einladung Gottes an euch.

Dr. Hans Frisch

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