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Jahreslosung 2014

gesendet am 1. Januar 2014 von Dr. Hans Frisch
 

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“
(aus Psalm 73, Vers 28)

- so lautet die Jahreslosung für 2014.

Vom Streben nach Glück

„Immer von neuem streben wir nach dem Sättigungsgrad vom Glück, bei dem wir verstummen“ - so beginnt ein Gedicht von Eva Strittmatter. Wenn alle Glückwünsche für das neue Jahr in Erfüllung gehen, dann wird es ein glückliches Jahr.

Vielleicht ist der Einstieg in den Beitrag am Neujahrstag nicht ganz geglückt - aber irgendwie muss man ja anfangen. „Glück ist die Explosion von Zeit an der Überfülle des Lichts“ - so schließt das Gedicht. Glück ist kein Zustand sondern ein plötzliches Ereignis – „kehren die Worte zurück, ist es schon vorüber“, meint Eva Strittmatter - und, wenn wir unseren Glückserfahrungen nachspüren, merken wir wahrscheinlich: Sie hat recht!

Die Psychologie hat auch das erforscht. Ein großes Glück - ein Lottogewinn, eine Goldmedaille, eine überstandene Gefahr - alles verblasst nach kurzer Zeit, zum Glück auch das große Unglück! Gott sei Dank! Sonst würde das Leben bald langweilig im Glück oder unerträglich im Unglück.

Das Versprechen von 72 Jungfrauen die auf ihn im Paradies warten, kann einen jungen Islamisten so verlockend erscheinen, dass er sich in einem Selbstmordanschlag hinüberbombt - ob es aber nach 100 Jahren der Ewigkeit immer noch das große Glück wäre? Selbst wenn er immerzu in der Pubertät bliebe und die Jungfrauen immerzu Jungfrauen. (Der Münchner im Himmel hätte es im islamischen Paradies wahrscheinlich länger ausgehalten als auf seiner Wolke mit Harfe und Halleluja dort bei Ludwig Thoma - auch wenn es dort Wein statt Bier gibt. Doch der sitzt immer noch im Hofbräuhaus, und die bayerische Regierung hat immer noch keine göttlichen Weisungen.)

Der Psalm-Vers wurde für die Jahreslosung verkürzt

"Gott nahe zu sein ist mein Glück“ – da ist die Rückfrage naheliegend: „Doch hoffentlich nicht das einzige?“

Für ein ganzes Jahr erscheint diese Losung doch etwas zu knapp. Aber, wie meistens, ist eine Aussage auf den Kontext angewiesen - so auch hier - und wenn sie aus einer anderen Sprache kommt, auch auf die Übersetzung.

Der Satz stammt aus dem 73. Psalm – es ist ein Psalm über das scheinbare Glück der Frevler.
„Ich aber, fast wäre mein Fuß gestrauchelt, beinahe wäre ich gefallen. Denn ich habe mich über die Prahler ereifert, als ich sah, dass es diesen Frevlern so gut ging“. So beginnt er und beschreibt ausführlich, wie böse die sind und wie gut es ihnen geht.

„Wahrhaftig, so sind die Frevler: immer im Glück häufen sie Reichtum auf Reichtum. Doch ich war alle Tage geplagt und wurde jeden Morgen gezüchtigt“ (sprich: geschlagen), so spricht der Psalmist und quält sich, das zu begreifen.

„Bis ich dann eintrat ins Heiligtum Gottes und begriff, wie sie enden.“ Sie stehen auf schlüpfrigen Grund, stürzen in Täuschung und Trug, werden plötzlich zunichte, werden dahingerafft und am Ende bleibt nichts über - wie ein Traum beim Erwachen verblasst.“ Das klingt doch auch nach 3.000 Jahren noch recht modern.
Von diesen Psalmisten stammt unsere Jahreslosung - wahrscheinlich lohnt es sich doch, da genauer hinzuhören und hinzuschauen.

Musik

Lassen wir die Übersetzung zunächst so wie sie ist (in der Einheitsübersetzung). Die Frevler sind immer im Glück - mein Glück ist, Gott nahe zu sein (dabei geht es mir schlecht, ich bin geplagt und werde gezüchtigt).

Im Heiligtum Gottes kommt die Erkenntnis: ein Glück als Zustand, egoistisch rücksichtslos angeeignet und stolz vorgezeigt, das ist vergänglich ohne Rest (wie ein Traum). Unter Anstrengung, ja unter Qualen unterwegs sein zum bleibenden Heiligen Ziel - das ist Glück.

Ein Vergleich

Ein Vergleich: zwei Brüder erben. Der eine vermehrt sein Geld mit allen Mitteln, sehr erfolgreich. Der andere hat schon lange das Ziel, den Mount Everest zu ersteigen – jetzt reichen seine Mittel.

Es wird ein quälend schwerer Aufstieg mit einigen Verletzungen und Erfrierungen - doch schließlich ist er am Ziel - voll Glück steht er auf dem Gipfel. Er würde Eva Strittmatter sofort Recht geben: „Glück ist die Explosion von Zeit an der Überfülle des Lichts.“

Als er nachhause kommt, zeigt sein Bruder glücklich und stolz seinen Reichtum – „das könntest du auch haben“. Doch er lächelt nur - um keinen Preis würde er tauschen. Gewissermaßen war er dort oben Gott nahe gewesen, im Heiligtum der Bergwelt.

Kaum einer von uns wird so hohe Berge bezwingen, doch mancher quält sich und leidet unter seinen Schwierigkeiten über die Runden zu kommen - während andere stolz und überheblich ihre Erfolge vorzeigen und Bewunderung ernten.

Ich wünsche dir für das neue Jahr und alle folgenden Jahre, dass du deine Anstrengungen als sinnvoll erlebst, dass du die Zuversicht behältst, auf dem richtigen Weg zu sein und dein Ziel erkennst, und dass du es glauben kannst: Gott ist mir nahe.

Der ganze Vers

„Ich aber - Gott nahe zu sein ist mein Glück“, so lautet der ganze Vers und er schließt - der ganze Psalm schließt: „Ich setze auf Gott den Herrn mein Vertrauen. Ich will all deine Taten verkünden.“

Das ist fast trotzig - doch ich habe immer wieder einen solchen Trotz nötig, wenn um mich frech der Reichtum, der Erfolg, der Sieg vorgezeigt wird - oft zweifelhaft erworben und nicht selten mehr Fassade und auf schwankendem Grund.

Ich aber - bin glücklich, dass Gott mir nahe ist, jetzt und immer.

Musik

„Ich aber“ – die beiden Worte, welche bei der Jahreslosung weggelassen wurden, verbinden den Vers mit dem vorangehenden, dem Kontext – und ich hoffe, es war zu spüren, wie wichtig der Kontext für das Verständnis eines Textes, vor allem eines so kurzen Textes ist.
Nun stammt dieser Text aus dem Hebräischen, und fast ebenso wichtig fürs Verstehen ist die Übersetzung.
In 21 verschiedenen Übersetzungen wird elfmal übersetzt: „Gottes Nähe ist mein Glück“, „ist mir köstlich“, „beglückend“, „ist mir Wonne“ – einige Mal: „Gottes Nähe ist gut für mich.“
Nur zwei reden vom „Nahen zu Gott“, das gut ist – und Martin Buber, der große jüdische Übersetzer sagt knapp: „Ich aber, Gott nahen ist mir das Gute“.

Für meinen jüdischen Freund ist dieses die beste Übersetzung – sie redet vom Weg, auf dem ich Gott nahe.

Gott nahe sein

Ich hoffe, die meisten von uns haben das Glück, Gott nahe zu sein, schon erlebt - kaum einer wird in ständiger Gottesnähe sein glückliches Leben führen.

Das Bild vom Bergsteiger bietet sich noch einmal an: Er ist auf dem Weg zu seinem Ziel - voller Freude hat er den Gipfel gesehen vom Tal aus, auch auf hohen Bergwiesen. Dazwischen liegen steile, anstrengende Aufstiege. Er kommt an Bergwirtschaften vorüber - und die Gäste laden ihn ein, doch die Bergluft, die Aussicht, das Bier und das Essen zu genießen.

„Lasst es euch gut gehen, ich aber bin unterwegs zum Gipfel“, ist seine Antwort; und er fühlt sich gut. Doch nach der dritten Berghütte fühlt er sich nicht gut - und je näher er den Ziel kommt, umso schwerer wird es. Doch er weiß: „Es ist mir das Gute“ - er weiß es, mitten in der Qual.

Die Sätze des Psalmisten sind wie für ihn geschrieben: „Mein Herz war verbittert, mir bohrte der Schmerz in den Nieren, ich war töricht und ohne Verstand, war wie ein Stück Vieh vor dir“ so lautet der 21. Vers - so mag er sich gefühlt haben als er seine letzten Reserven einsetzte. Doch er bleibt dabei: „Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an meiner Rechten, du leitest mich nach deinem Ratschluss und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit.“

In der Einsamkeit seiner Anstrengung ist der Psalmist nicht allein, und am Ende, (wie der Bergsteiger nach der Heimkehr) oder beim Rückblick auf ein langes Leben voll überstandener Anstrengungen und Qualen, die Bilanz: „Was habe ich im Himmel außer dir? Neben dir erfreut mich nichts auf Erden. Auch wenn mein Leib und Herz verschmachten, Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig.“

Das war nun keine Werbung für das Bergsteigen (wer es kennt, wird vielleicht sagen: „So ist es.“) So gelesen erscheint die Jahreslosung auch nicht wie eine Einladung zum Glauben, zu einem Weg in die Nähe Gottes.

Doch wer auf dem Weg ist und sich in schwierigem Gelände befindet - und sieht, wie sich viele gehen lassen, Spaß und Genuss haben und sogar Beifall bekommen, dem könnte der Psalm und diese Jahreslosung Mut zusprechen.

Die Psalmen, auch der 73. Psalm, gehören zum Glaubensfundament des jüdischen Volkes - und dessen Weg durch drei Jahrtausende hatte wahrlich einen solchen Zuspruch nötig. Auch Jesus auf seinem Weg ins qualvolle Leiden hat wohl diesen Psalm gebetet – aber nicht: „Es ist mir das Gute“ sondern: „Es ist für euch das Gute“ - für uns!

Wie ein Bergführer ist er vom Gipfel unseres Heils zu uns gekommen - und wo wir beten: „Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an meiner Rechten“ - da antwortet er: „Ja ich bleibe immer bei dir, ich halte dich an deiner Rechten. Ich leite dich nach Gottes Ratschluss und nehme dich am Ende auf in Herrlichkeit.“

Gott sei Dank! Wir müssen nicht mit aller Kraft, mit letzter Kraft, den Gipfel erreichen – mit Jesus ist uns Gott ganz nahe gekommen und wir dürfen nach dem 73. Psalm auch den 23. Psalm beten: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

Gottes Nähe ist Glück - selbst wenn ich „wandle im dunklen Tal“.
So kann ich, können wir, getrost ins neue Jahr gehen.

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