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Konfirmation

gesendet am 05.05.2013 von Dr. Hans Frisch
 

Ein Bekenntnis am Anfang: ich bin nicht im Studio sondern in Bayreuth, bei der Konfirmation von Lukas, unserem Enkel. Wir haben den Beitrag gestern aufgenommen. Noch ein Bekenntnis: ich bin der Versuchung erlegen und habe „Konfirmation“ als Thema genommen.

Ein Initiationsritual gibt es in allen Kulturen

Nun werden ja die allermeisten der Hörer ihre Konfirmation schon hinter sich haben, wenn sie zur Evangelischen Kirche gehören. Die Katholischen erinnern sich an die Firmung, (die lateinisch und in den meisten anderen Sprachen aber auch Konfirmation oder ähnlich heißt) - sie dürfen also auch zuhören.

Und die Konfessionslosen und die echten Heiden? Die auch, denn ein Initiationsritual beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter gibt es praktisch in allen Kulturen - seit jeher - und ein solches Ritual ist die Konfirmation, ganz allgemein gesprochen, ja auch.

Es geht um den Übertritt von der kindlichen Zugehörigkeit in die erwachsene, verantwortliche Mitgliedschaft in der Gesellschaft.
Offensichtlich verlangt die individuelle Entwicklung ein Ereignis, das diesen Schritt erfahrbar macht – und mit dem die Gesellschaft die Aufnahme deutlich erklärt und bestätigt.
In der Regel sind solche Rituale mit einer Prüfungssituation verbunden: Eine Woche allein im Busch, Jagd eines gefährlichen Tieres, gefährliche Mutprobe - so war es in frühen Kulturen.

Die Konfirmandenprüfung galt früher auch als ernste Angelegenheit. Davon sind allenfalls geringe Reste erhalten, doch ist es schon erstaunlich, wie viele Jugendliche am Konfirmandenunterricht teilnehmen, wie sie Testate über Gottesdienstbesuche sammeln und wie ernst sie die Feier der Konfirmation in den Kirchen nehmen.

Ähnlich ist es bei der Bar mizwa bei jüdischen Jungen mit 13 Jahren - und wohl auch bei Initiationsriten in anderen Religionen - auch bei der Jugendweihe im Sozialismus und beim „Bund für Geistesfreiheit“.

Bei allen liegt der Zeitpunkt am Beginn der Pubertät. In frühen Kulturen wurden die jungen Menschen dabei eingeweiht in ein Geheimnis des anderen Geschlechts und der Sexualität. Natürlich kannten sie die Unterschiede, und natürlich hatten sie sexuelle Vereinigung schon gesehen - zumindest bei Tieren. Doch zwischen Sehen und Erleben ist ein Geheimnis, das selbst durch die Überflutung mit gezeigter Sexualität in unserer Zeit nicht verschwindet - hoffentlich!

Das alles spielt bei der Konfirmation, auch bei der Firmung und der Bar mizwa, keine Rolle. Dabei geht es um den Übertritt von der kindlichen Zugehörigkeit in die erwachsene, verantwortliche Mitgliedschaft in der Kirche (oder der Synagoge).

Im Judentum wird der junge Mensch jetzt selbstverantwortlich vor dem Gesetz Gottes - in der katholischen Kirche wird das auch spürbar, denn vor der Firmung steht die erste Beichte.

Bei den Evangelischen wird die Schwelle, die überschritten wird, möglichst niedrig gehalten - und so kann man auch Äußerungen lesen wie: „Die Konfirmation war echt geil“ oder: „Es war richtig cool“ - was man einem Jugendlichen gönnen kann, wenn es nicht das Wichtigste ist.

Musik

Was ist aus der Kirchengeschichte wichtig zu wissen?

Es wäre zu fragen: „Wie konnte aus dem uralten Ritus der Initiation Jugendlicher am Übergang zum Erwachsensein ein Fest werden, das als „echt geil“ und „richtig cool“ erlebt wird?“

Die Weichenstellung liegt über 1600 Jahre zurück: Nachdem Kaiser Konstantin das Christentum als gleichberechtigte Religion im römischen Reich anerkannt hatte, erklärte Kaiser Theodosius I. es 380 zur Staatsreligion und das nächste Konzil ordnete die Kindertaufe an, um die Neugeborenen von der „Erbsünde“ zu befreien.

Da es nur eine Kirche gab, zu der alle gehörten, wurden so alle Kinder in die Kirche aufgenommen. Auch Luther übernahm die Kindertaufe. Anfangs hatte er sie heftig abgelehnt. „Die Taufe bleibt, falls der Glaube fehlt, ein bloßes und wirkungsloses Zeichen“ steht in seinem großen Katechismus.

Doch bald erkannte er: Nur eine protestantische Landeskirche - unter dem Schutz und im Machtbereich der Landesherrn - konnte überleben. Die Landesherrn konnten nicht riskieren, dass die plötzlich evangelisch gewordenen Landeskinder auswandern, wenn die Kindertaufe abgeschafft wird – denn die Angst vor der Kinderhölle für ungetauft gestorbene Kinder saß tief - und die Kindersterblichkeit war hoch.

So musste Luther das Sakrament der Kindertaufe übernehmen. Die Firmung lehnte er ab, doch als Konfirmation fand sie noch zu seinen Lebzeiten Eingang in die evangelische Kirche Die Argumente der „Täufer“ für die „Glaubenstaufe“ verlangten wenigstens den Kompromiss, dass die bewusste Bestätigung der Taufe am Ende Kindheit erfolgt - nicht als Sakrament, aber doch so ähnlich.

Ihr merkt, hier redet ein Baptist also ein „Täufer“ - zu Luthers Zeiten nannte man sie „Anabaptisten“ – „Wiedertäufer“. Weil jeder als Kind getauft war, bedeutete die Glaubenstaufe eines Erwachsenen eine Wiederholung - und dafür wurden viele umgebracht, nicht nur in katholischen Ländern.

Die Frage der Kindertaufe

Wer jetzt meint, ich halte die Kindertaufe für überflüssig - so wie der frühe Luther, der hat recht. Wer denkt, ich lehne die Konfirmation für Christen, die als Kind getauft wurden ab, der täuscht sich. Im Gegenteil - glücklich wäre ich, wenn Lukas (Anm. der Red.: Enkel des Autors) heute seine Taufbestätigung ganz ernst nehmen würde, er und alle Konfirmanden.

250.000 Jugendliche erleben jährlich die Konfirmation. Es ist die erste als heilig zelebrierte Feier ihres Lebens - in einem Alter, das nach Initiation verlangt. Wenn das nicht gültig ist, welche heiligen Entscheidungen werden es dann sein?

Wie wichtig eine solche Handlung in diesem Alter ist - auch heute noch - das zeigt nicht nur die Jugendweihe in ihren verschiedenen Formen, auch die Freikirchen bieten einen „biblischen Unterricht“ über längere Zeit an mit abschließender „feierlicher Entlassung aus dem biblischen Unterricht“. Das hat zwar nichts mit einer Kindertaufe zu tun, aber als eine „Auffrischung“, als Bestätigung der „Kindersegnung“, die sie als Säugling bekommen haben, könnte das gedeutet werden.
Da ist die Konfirmation nicht weit entfernt - oder besser: Auch das ist eine Art Initiationsritual. Woran man sieht? Jede Gemeinschaft braucht es und jede findet irgendwie das passende.

Musik

Wir sind im Mai - und endlich kommt der Frühling, mit Macht und Pracht. „Ach gäb es doch ein ganzes Jahr voll Mai“ wünscht Erich Kästner sich in seinem Maigedicht, nachdem er gesehen hat: „und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee“. Doch nur ein verblühter Kirschbaum kann Kirschen tragen - so möchte man Menschen zurufen, die krampfhaft ihre Jugend festhalten wollen.

Der Aufbruch ins Erwachsensein ist nur zu haben für den Abschied von der Kindheit - und Rituale wie Konfirmation, Bar mizwa, auch Jugendweihe und andere, sind eine weise und hilfreiche Fortsetzung der uralten Initiationsbräuche.

Allerdings darf man von den Jugendlichen nicht mehr Ernst beim Schritt in das Erwachsenwerden erwarten, als wir selbst in unserem Erwachsensein aufbringen.

Was erwarten wir von der Kirche, deren Mitglied wir geworden sind?

Auf die Kirche gewendet - speziell die evangelische: wenn die Eltern und Verwandten zur Konfirmation alle in der Kirche sind und dann erst wieder zu Weihnachten, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn für viele die Konfirmationsfeier „der vorläufig letzte Kontakt mit ihrer Kirchengemeinde ist“ - wie es Wikipedia beschreibt.

Ja, auch der Weg über Kindstaufe, Konfirmandenunterricht, Taufbestätigung durch Konfirmation und Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche kann in einen lebendigen Glauben führen - und tut es oft.
Anderseits ist der Weg über Kindersegnung, Kindergottesdienst, biblischen Unterricht und feierliche Entlassung daraus keine Garantie - selbst die Glaubenstaufe nicht. Immer bleibt der Glaube eine Entscheidung.

Wahrscheinlich haben jetzt nur wenige Konfirmanden zugehört, so dass wir Erwachsenen unter uns sind. Das wäre eine Gelegenheit, uns zu fragen: „Welche heiligen Entscheidungen haben wir in unserem Leben getroffen?“- auch wenn nicht so öffentlich und feierlich wie eine Konfirmation.

Was bedeutet uns der Glaube, den wir damals öffentlich bekannt haben, heute noch? Sind wir bereit, dafür Opfer zu bringen (außer der Kirchensteuer), bekennen wir ihn?

Was erwarten wir von der Kirche, deren Mitglied wir geworden sind (außer kirchlicher Trauung, Taufe unserer Kinder und kirchlicher Beerdigung), und wie nehmen wir Anteil an ihr?

Wie kann aus der Konfirmation ein wirliches Fest werden?

Ist uns bewusst, wieviele Menschen sich geopfert haben für die Entstehung und den Bestand dieser Kirche - und wie viele dafür Leid erdulden, auch heute noch? Ist uns klar, welches Opfer Jesus gebracht hat für die Offenbarung der Liebe und der Gnade, in der wir und aus der wir leben dürfen?

Zum Glück brauchen sich Konfirmanden all diese Fragen nicht zu stellen. Das Fest ist ein Geschenk an sie (meist mit vielen sonstigen Geschenken). Doch ein Vertrag wird auch dann gültig, wenn man seine Folgen nicht vorher übersieht. Der Vertrag mit Gott hat keine Kündigungsfrist, und er wird uns nie aufgekündigt. Doch leben müssen wir ihn, wenn er lebendig sein soll.

„You confirm this?“ „Bestätigst du? Bekräftigst du das?“

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