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Nazarethschlüssel

gesendet am 22. Juli 2012 von Dr. Hans Frisch
 

Eigentlich sollten wir erst am nächsten Sonntag auf Sendung sein, am dritten Tag der Olympiade. Da hätten wir ein aktuelles Thema gehabt, und sieben Entscheidungen wären schon gefallen. Doch dann wurde getauscht, und nun stehe ich da, ohne Thema.

Das Higgs Teilchen ist nachgewiesen, mit 99,9999-prozentiger Wahrscheinlichkeit, doch was kann unsereiner dazu sagen? Die Euro-Krise ist ein endloses Thema, die wird wohl noch viel teurer werden als der Beschleuniger in Genf - da sind selbst die Spezialisten ratlos. Da kam die Idee: Erzähl einfach die Geschichte vom „Nazarethschlüssel“ (den Begriff findet ihr nicht in Büchern, im Internet nur einmal - im meinem Beitrag zur Fußball-WM 2006).

Die Geschichte ist schon ziemlich alt, aber noch nicht veraltet. In der Anfangszeit der Computertomographie ergab sich die Möglichkeit, die Firma Elcint in Israel zu besuchen, in Begleitung eines Firmenvertreters. Ein Mitarbeiter kümmerte sich um uns, er fuhr auch mit uns nach Jerusalem. "Doch am Donnerstag ist eine Konferenz, da habe ich keine Zeit" meinte er. Ich schlug vor, nach Nazaret zu fahren, mit dem Taxi, die Firma zahlte ja.

Die Fahrt durch die Jesreelebene zeigt, was für ein Garten aus dieser Sumpfgegend geworden ist. Am Nachmittag kamen wir in Nazaret an. Es ist die größte arabische Stadt in Israel mit mehr als 20 christlichen Kirchen und Klöstern, gebaut bis hinauf auf einen Berghang. Der Taxifahrer wartete im Café und wir gingen eine ruhige Straße Richtung Berg.

Durch offene Türen sahen wir ins Innere von Wohnungen, sehr einfach eingerichtet, aber mit Fernseher. Von einem Traktor wurden Melonen abgeladen und von Hand zu Hand weitergereicht bis in den Keller. Am Bürgersteig saß ein Bettler - aus dem Haus gegenüber kam eine Frau, schwarz gekleidet, sie ging über die Straße, gab ihm ein Almosen und ging wieder zurück.
Am Fuße des Berges bog die Straße nach rechts ab, doch durch ein offenes Tor ging der Weg weiter über einen Bauernhof und dann steil aufwärts, grob gepflastert als Rinne für Regenwasser, mit kleinen Brücken zur anderen Seite. Die Häuser in den kleinen Gärten wirkten bescheiden - Bambusgerüste mit Blumentöpfen in den Fenstern sind mir in Erinnerung.
Weiter oben eine Kirche: „Tabula Christi“, eine Steinplatte. „Hier hat Jesus mit seinen Jüngern gegessen“, so erklärte eine ältere Messnerin, die auf Trinkgeld von jedem extra bestand (ich fand das in ihrer Situation als ganz vernünftig).

Dann oben auf der der Höhe Bungalows, wie sie in Nürnberg kaum zu finden sind, doch hinter Mauern.
Ein freier Blick über das weite Tal, braun im abendlichen Spätsommerlicht - es wirkte wie eine Steppe. Dann ging, wie im Süden üblich, die Sonne recht schnell unter, und überall zeigten Lichter, dass die Gegend dicht bewohnt ist.

Zurück gingen wir die Straße die im Bogen den Weg hinunter geht. Und da merkten wir, warum die reichen Leute da oben wohnen - die Luft wurde nach unten zunehmend schwüler und von Gerüchen durchsetzt.
Mir kam der Gedanke: „Wenn Du hier in Nazareth leben solltest, würdest du dann lieber oben auf dem Berg wohnen, in einem Bungalow, den du mit großer Anstrengung erworben hast und mit harter Arbeit erhalten musst, in einem Garten hinter Mauern - oder unten, wo die Menschen miteinander die Melonen in den Keller bringen und auch der Bettler sein Auskommen hat, weil die Menschen einander helfen?
Die Frage ist bis heute offen, doch sie hat zu einer anderen Frage geführt und zu einer Antwort, die ich den „Nazarethschlüssel“ nenne.

Musik

Die Frage, ob ich lieber angestrengt reich oder gelassen arm leben möchte, habe ich bis heute nicht beantwortet – doch damals in Nazaret, auf dem Weg von der noblen Oberstadt in die ärmliche Unterstadt, da fragte ich mich: „Du wärst doch der derselbe, oben oder unten! Was ist es, was in allen gleich bleibt, unabhängig von ihrem Stand und Status?“
Wie in mein Denken hinein gesprochen kam die Antwort: „Jeder muss zu sich selber JA sagen können, und jeder braucht das JA des anderen.“
Diese Antwort begleitete mich bei der Fahrt durch die nächtliche Jesreelebene nach Haifa, beim Rückflug über die das Mittelmeer, in einen prächtigen Sonnenuntergang, bei der Ankunft zuhause und in den nächsten Tagen und Wochen – sie wurde ein Schlüssel zu mancher Erkenntnis.

„Jeder muss zu sich selber Ja sagen können“ – es gibt glückliche Zeiten, in denen das wie selbstverständlich gelingt. Doch, schon falsch gekleidet in eine Gesellschaft zu kommen, unter lauter klugen Leuten nicht mitreden können, ein altes Auto fahren, wenn alle Nachbarn neue Wagen haben, von Audi aufwärts - unendlich viele Ursachen gibt es, die das Ja zu sich selbst fraglich machen - und viel Mühe, Zeit und Geld wird aufgewandt, um das Ja der andern zu bekommen - manchmal sehr souverän und dezent, oft auffällig und leicht zu durchschauen, wie der Mann, der mit laut röhrendem Ferrari beim Café um die Ecke vorfährt, oder die Dame mit offensichtlich sündhaft teuren Kleidern und Schmuck.

Doch auch in den unteren Rängen gilt der Satz: „Denn erst Kleider machen Leute“, wobei Kleider für vieles steht, was Ansehen verschafft und das Ja der anderen sichert. „Wie's da drinnen aussieht, das geht niemand was an!“
Leider ist das so errungene Ja flüchtig, es muss immer neu erworben werden, was nicht nur den Markt mit Mode sehr belebt.

Das einzige Ja, das wirklich trägt, ist das Ja der Liebe - aber das ist teuer. Es lässt sich nicht kaufen, doch verlangt es Vertrauen, Glauben - und es macht verletzlich. Denn wenn sich dieses Ja in ein Nein verwandelt, dann kann die Selbstbejahung zusammenbrechen, mit schlimmen Folgen bis zum Mord und Selbstmord.

Es könnte sein, dass viele das ahnen und deshalb die endgültige Bindung in Liebe nicht wagen, so kann beim Scheitern die Schuld dem anderen zugeschoben werden und ein zweiter oder dritter Versuch starten. Damit sind wir nahe beim letzten Akt meiner Geschichte vom Nazaretschlüssel.

Musik

Es war einige Zeit nach der Israel Reise. Bei einem Ausflug nach Neunhof kamen wird zu dem neu restaurierten Schloss mit dem Barockgarten. Im Schlosscafé aßen wir ein Eis. Unser Sohn war noch klein. Am Nachbartisch saß allein ein Mann, offensichtlich schon etwas angetrunken, und offensichtlich war er das oft. Er wirkte heruntergekommen.

Johannes lief umher, der Mann versuchte Kontakt zu ihm zu bekommen - ich sah deutlich: „Er möchte das Ja des Kindes.“ Doch Johannes wollte nicht, trotz wiederholter Versuche. Der Mann tat mir leid.
Da ging eine Bedienung vorbei, er sprach sie an: „Hast du das gehört von dem und dem (er nannte einen Namen). Nein! Sowas würde ich nie tun! Nie! Nein!“

Plötzlich sah ich die dämonische Umkehr des Nazaretschlüssels: „Wenn du das Ja nicht bekommst und dich selbst nicht bejahen kannst - sag Nein zum andern, und du hast dich relativ bejaht.“ Erschreckend, wie oft man dieser Notlösung begegnet.

Mir war diese Erkenntnis hilfreich, denn ich kann nun durch das Nein hindurch den Hilferuf hören und manchmal sogar hilfreich antworten. Oft sind aber Menschen in solcher Lage mit lauter Nein ummantelt, und jede Antwort verstärkt den Panzer. Immerhin kann die Erkenntnis uns helfen, Mitleid statt Wut zu empfinden, denn meist ist jemand, der andere verneint, ungeliebt.

Ich merke die Geschichte wird zur Psychologiestunde, und da sind wir nicht kompetent. Selbst für Psychotherapeuten dürften sich da Schwierigkeiten ergeben – wenn unsere Vermutung stimmt, dass nur das Ja der Liebe uns wirklich bestätigt.

Gott sei Dank, die meisten von uns bekamen in der Kindheit ein Startkapital Liebe mit ins Leben - für manchen reicht es sogar bis ins Erwachsenwerden. Und dann begegnete uns hoffentlich die Liebe unseres Lebens. Doch für die mussten wir vertrauen und glauben, was leider oft nicht dauerhaft gelingt. So bleibt die Nachfrage nach Ersatzangeboten erhalten, mit denen man Bejahung und Anerkennung sichern kann - leider nicht auf Dauer.
Eine starke, bedingungslose Liebe, wenn uns die begegnen und uns ergreifen würde, das wär's!

Wer mich kennt, weiß von wem und von was ich rede - von Jesus und von der Liebe Gottes, die er offenbart hat. „Niemand hat größere Liebe, als der sein Leben gibt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde“, so sagt er zu seinen Jüngern, und zu uns, und stirbt freiwillig am Kreuz.

„Für mich wäre das nicht nötig gewesen“ magst du denken - dann hat er für dich zu viel bezahlt. Doch du bist es ihm wert. Und viele gibt es, die sich und ihren Wert so sehr ruiniert haben, dass eine billige Rettung nicht möglich ist - auch für die hat er den vollen Preis bezahlt.

Er fragt nicht, wie viel Schulden und wie viel Schuld du mitbringst, er garantiert dir Gottes Liebe, wenn du ihn annimmst. Er liebt dich auch nicht, weil du so schön bist oder so gut, sondern weil er dich liebt. Mit dem Ja zu dir dürftest Du kein Problem mehr haben, wenn Gott zu dir Ja sagt - und ein Nein zum andern hast du dann nicht nötig. Auch er ist geliebt, selbst wenn er es noch nicht weiß. Wenn du es ihm sagen willst, dann geht das sicher auch ohne Radiosendung.

Dr. Hans Frisch

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