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Eine Katastrophenwoche

gesendet am 27.06.2004 von Gerhard Marsing
 

Das Aus der deutschen Fußball-Nachnationalmannschaft in der Vorrunde der EM

War das nicht eine Katastrophenwoche, die wir da gerade hinter uns gebracht haben? Die deutsche Nationalmannschaft ist bei der Europameisterschaft in der Vorrunde ausgeschieden, saftlos, kraftlos, ideenlos, fast leidenschaftslos, gegen die B-Elf von Tschechien und womit das ganze? Mit Recht würde ich sagen und mit ziemlich schlechtem Fußball. Der Spott über die Holländer ist uns als dicker Brocken im Hals stecken geblieben, der Spott der anderen ergießt sich über alle Deutschen und ein ganzes Land trauert - um verpasste Chancen, um unsere einstmaligen Fußballhelden und vor allem um Rudi Völler. Ein Mann, eine schillernde Persönlichkeit, hinter dem unsere kleinen Schröders, Merkels und Stoibers nicht nur wegen ihrer profillosen Politik total verblassen. Unser Rudi, den´s nur einmal gibt, ist zurückgetreten. Eine Katastrophe. Und schon geht das Hauen und Stechen los, das nun mal üblich zu sein scheint, wenn so etwas passiert. Auch ich saß Mittwoch Nacht auf meiner Couch, unfähig ein Wort zu sprechen, geschockt. Eine Katastrophe. Zusammen mit der katastrophalen Wirtschaft hat Deutschland also genügend Gründe weiter zu jammern und zu klagen.

Sind wir eigentlich alle noch ganz bei Trost? Es geht hier um ein Spiel. Ein Fußballspiel zwischen hyperbezahlten und "Nase-hoch-tragenden" Spielfiguren die ihre Kräfte messen wollen, so wie andere beim Armdrücken oder Fingerhakeln. Und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung würde jubeln, wenn sie so viel zu Leben hätten, wie ein Sozialhilfeempfänger in unserem Lande hat, auch nach all den angedrohten Reformen.

Die wirklichen Katastrophen

Das Wort Katastrophe ist für andere Ereignisse bestimmt. Zum Beispiel dafür, dass ein Tanklastzug in eine Reihe voll besetzter Busse rast und im Flammeninferno hundert Menschen verrecken. Es ist eine riesige Katastrophe, was im Irak passiert. Da sind jene, die die Freiheit bringen wollten, nicht dazu fähig den Frieden zu fördern. Und die anderen, die unter der Gewaltherrschaft eines Despoten litten, können nichts mit der gewonnen Freiheit anfangen, da der dazu nötige Friede aus den eigenen Reihen mit Bomben und Selbstmordanschlägen torpediert wird.

Es ist immer noch eine Katastrophe, was zwischen Israel und den Palästinensern passiert, auch wenn die Nachrichten darüber und über andere Katastrophen der Welt dieser Tage im Blitzlichtgewitter etwas verblassen.

Und es ist eine Katastrophe, was herüberhallt, über den großen Teich. Da stellt sich einer hin und erklärt sich selbst zum großen Friedenspropheten, in der einen Hand ein Maschinengewehr und in der anderen Hand einen Benzinhahn haltend. Vor sich den großen roten Knopf zum Pilze-Machen und in der Tasche feixend die Bilder von ekelhaften Folterungen versteckt.

"Pfui Teufel". Ich sage das nicht nur, weil man das so sagt. Nein, der Teufel steckt hier nicht nur im Detail, sondern er steckt voll und ganz dahinter. In mir kommt die Angst auf, dass da wieder einmal einer, der viel Macht in Händen hält, einem Machbarkeitswahn des Weltfriedens verfällt, dessen Zweck selbst die scheußlichsten Mittel heiligt. Oder sind die Gründe für diesen Krieg im Irak, der immer noch anhält und der aus einer Tragödie eine Katastrophe gemacht hat, noch niedriger angesiedelt. Was hätte Mr. Bush getan, wenn es im Irak keinen Tropfen Öl gäbe oder wenn sein Papa dort nicht noch eine Rechnung offen gehabt hätte?

Die Angst, die ich manchmal körperlich spüre, zwingt mich innerlich auf die Knie. "Brich dein Schweigen, Herr, Gott" schreit es in mir "und beginne sichtbar zu handeln - nach dieser katastrophalen Woche".

Gerhard Marsing, Radio AREF