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Advent

gesendet am 22.12.02 von Dr. Hans Frisch
 

Advent - Die Geburt Jesu im historischen Zusammenhang

"Zweimal werden wir noch wach, heißa dann ist Weihnachtstag" - in diesem Jahr ist der vierte Advent nahe an das Weihnachtsfest gerückt. Keine Angst, wir wollen uns nicht am Endspurt um die richtige Feststimmung beteiligen, Advent soll unser Thema sein.

Gern würde ich in die Runde fragen: was heißt "Advent"? Aber wir haben nicht genug Telefonanschlüsse für die Antwort.

Für die, die jetzt passen - Advent das heißt die Ankunft. Das ist kein christliches Wort sondern einfaches Latein. Allerdings war es bedeutungsschwer vor 2000 Jahren. Wenn damals der Kaiser in Rom sich aufmachte zu einer Reise in seine Provinzen - meist zu Schiff übers Mittelmeer, dann war in der angesteuerten Hafenstadt einiges los. Es wurde ein prächtiger Empfang vorbereitet, denn es kam er nicht nur der Kaiser von Rom, es kam ein Gott, der verehrt und eigentlich angebetet sein wollte.

Viele Advent-Münzen sind erhalten, die den göttlichen Kaiser und auf der Rückseite das Advent-Schiff zeigen mit der Umschrift: "Adventus Augusti" - "Ankunft des Anbetungswürdigen". Auch Advent-Hymnen und -Gebete sind erhalten: "Morgenstern, bringe den Tag; komm bald und laß uns nicht bangen! Roma bittet darum, dass ihr Caesar erscheine!" "Siehe, da ist Gott, da ist er, vom Vater im Himmel eingesetzt mit der Vollmacht, auf glücklicher Erde zu herrschen."

Nur eine Provinz machte den römischen Advent-Rummel nicht mit, Judäa. Nicht nur, weil für sie das Bild eines göttlichen Kaisers Gotteslästerung war, sie hatte ihre eigene Adventerwartung - und der vierte Advent ist ein gutes Datum, die einmal anzuschauen.
Wenn man die Situation in Judäa zur Zeit Jesu betrachtet, dann kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass Judäa eine römische Provinz war.

Zur Zeit von Jesu Geburt zwar noch ein Königreich, aber Herodes war König von Roms Gnaden. Nach Herodes Tod übernahm ein römischer Statthalter die Verwaltung der Provinz. "Na und", wird mancher meinen, "römische Provinzen gab es viele - von Persien bis Schottland". Judäa war etwas Besonderes. Hier lebte die tiefe Überzeugung: "Wir sind das Volk Gottes, des einen Gottes. Dieser Gott wird uns einen König senden, einen Nachkommen Davids - dann wird das Reich Gottes anbrechen, die Erlösung von aller Unterdrückung und Qual. Alle Völker werden dann den wahren Gott erkennen und Jerusalem wird das Zentrum der Welt sein."

Hatte nicht der Gott Israels die Befreiung von der griechischen Herrschaft geschenkt in den Makkabäerkriegen? Und musste er nicht jetzt seine Macht offenbaren und seine Rettung senden angesichts der Macht und der heidnischen Überheblichkeit Roms mit seinem Gottkaiser ?

Die Stimmung wurde angeheizt durch Bücher die mit Science Fiktion und mit Däniken durchaus mithalten können, so genannte "Apokalypsen". Unter dem Namen alter biblischer Personen schilderten sie Himmelsreisen und Höllenfahrten, Gotteserscheinungen und Offenbarungen, und zeigten klar, dass die Weltgeschichte dicht vor der Vollendung steht. Vom "Menschensohn" im Himmel, vom "Messias" ist dabei die Rede und von dem Gericht über die Völker.

So wie heute Menschen glauben, dass Außerirdische schon Kontakt zu uns haben, so meinten damals viele, die Zeit ist nahe.
Recht verschieden aber waren die Konsequenzen: Die Frommen wurden ganz fromm - denn "wenn einmal ganz Israel einen Sabbat vollkommen hält, dann kommt gleich der Messias", daran glaubten die Pharisäer. "Die heidnischen Römer dürfen wir nicht dulden im Heiligen Land", meinten die Zeloten und überfielen römische Lager oder kleinere Trupps. "Nur wer sich von dem sündigen Leben in Stadt und Land absondert, gehört zu den Söhnen des Lichts und wird mit dem Messias herrschen nach der großen Schlacht gegen die Söhne der Finsternis", das sagten die Leute von Qumran, die in strengster klösterlicher Gemeinschaft lebten und schon die Sitzordnung für das Siegesmahl aufgestellt hatten

( Musik )

In der gespannten Situation jener Zeit trat ein Prophet von alttestamentlicher Statur auf, Johannes der Täufer. Wahrscheinlich kam er aus Qumran. Nicht zufällig begegnen wir beim Fragen nach Advent Johannes dem Täufer. Seine Botschaft: "Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen" ist ja Adventsbotschaft, Kunde einer Ankunft, und sie traf genau die Erwartung vieler Menschen.

So eindrucksvoll war der Täufer, dass die Menschen ihn fragten: "Bist du der Messias?" "Ich bin's nicht", antwortete er "Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wüste" und bezog damit ein Prophetenwort auf sich. Und die Menschen merkten, wovon er spricht - Elia! Elia, der Prophet, den Gott im feurigen Wagen in den Himmel geholt hat, hier an der Stelle, wo der Täufer im Jordantal haust und wirkt, dieser Elia sollte wiederkommen und die Ankunft, den Advent, des Messias vorbereiten.

Das Alte Testament schließt mit der Verheißung Gottes durch den Propheten Maleachi: "Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern, auf dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage."

Und als der Engel Gabriel - ein halbes Jahr bevor er zu Maria kommt - dem Priester Zacharias einen Sohn verheißt, den späteren Täufer, da sagte er ihm: "Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern."

Ja, Elia, das musste dieser Täufer mit seiner Adventbotschaft sein, und Jesus bestätigt später diese Vermutung. Wir merken, es war damals dort eine andere Advent Stimmung als bei uns - ungeduldig, fromm, mystisch und explosiv. Da konnten die politischen und religiösen Führer schon nervös werden. Die meisten von diesen dürften die Sache nüchterner gesehen haben - doch was würde passieren, wenn wirklich einer kommt als Messias? Würden nicht die Zeloten zum Aufstand rufen, unterstützt von den geheimnisvollen Qumranleuten ?

Herodes, der König, und die Priesterschaft waren verantwortlich für die Ruhe und Ordnung im Land, und sie wussten, was ein Aufstand in Judäa bedeuten würde. Es war Alarmstufe III. Und da kommen noch diese Weisen aus dem Morgenland mit ihrer astrologischen Botschaft von dem messianischen König der Juden, der geboren sei.

Doch es blieb ruhig. Die Weisen waren aus Bethlehem nicht zurückgekommen und Herodes hatte zur Sicherheit alle Kinder, die irgendwie in Frage kommen könnten, beseitigen lassen. Die Hirten haben vielleicht noch ihren Kindern und Enkeln von den Engeln in jener Nacht erzählt.

Nach dem Tode des Königs Herodes kam es zum Aufstand, der wurde von den Römern grausam niedergeschlagen, aber da gab es noch keinen Messias als Führer. Unbemerkt von den Mächtigen und vom Volk wuchsen Johannes und Jesus heran - 30 Jahre. Dann trat Johannes auf mit seiner Adventbotschaft. Er traf den Nerv der Zeit, und in Scharen zogen die Menschen hinunter zum Jordan, hörten seine Predigt von der Ankunft des Gottesreiches und ließen sich taufen, zum Zeichen der Buße und der Vergebung; damit sie bereit sind, den zu empfangen der kommen soll.

Da tritt auch Jesus aus seiner Verborgenheit. Was da am Jordan geschah, es musste wie ein Signal für ihn sein, seiner Bestimmung und seiner Sendung zu folgen. Er kommt auch zu Johannes und läßt sich taufen. Damit beginnt sein öffentlicher Weg - der bald am Kreuz endet.

Johannes hatte die Ankunft erlebt, er hatte IHN erkannt. Doch auch ihm kommen Zweifel, als er im Kerker sitzt und keine Kunde von dramatischen Ereignissen oder Veränderungen bekommt. Er wurde er enthauptet - man könnte fast sagen, zu seinem Glück - so brauchte er das Ende aller Messiashoffnungen nicht miterleben, als der, auf den er gewartet und den er angekündigt hatte, am Kreuz starb.
Musik
Wenn selbst Johannes, der Jesus kannte und der bei der Taufe gesehen hatte, wie der Geist als Taube auf ihn kam, der ihn als "Lamm Gottes" bezeichnet hatte, wenn der Zweifel bekam, wie sollten die Anderen ihn erkennen als den verheißen Messias?

Die Frommen hatten ihn gleich abgeschrieben und wurden zu seinen entschiedenen Feinden. Er hatte den Sabbat geschändet - so einer konnte nicht das Reich Gottes bringen, er verhinderte sein Kommen!

Die Zeloten konnten nur den Kopf schütteln über einen, der Feindesliebe predigt. Und die mystische Klostergemeinde in Qumran nahm einen, der mit Prostituierten und Zöllnern feiert, gar nicht zur Kenntnis.

Beim einfachen Volk, da findet Jesus Sympathien, weckt sogar Begeisterung mit seinen Wundern - bis die Mächtigen aktiv werden: "Da braut sich etwas zusammen, das könnte sich der Kontrolle entziehen".
Die Agenten des Synhedriums, der jüdischen Höchsten Justizbehörde, schwärmen aus, versuchen Jesus in Gesprächen Fallen zu stellen, verleumden ihn als Sabbatschänder, Pseudopropheten, teuflischen Magier und schließlich als Volksverführer, dem zu folgen strafbar ist - und sie haben Erfolg. Zwar können sie Jesus nicht fangen mit ihren Fragen - er ist zu intelligent und zu geschickt - aber das Volk geht auf Distanz. Nur seine zwölf Jünger sind bei ihm, als er aufbricht nach Jerusalem zum Passahfest, dem dritten seit seiner Taufe.
Und dann kommt es doch noch zum Advent-Ereignis, fast wie bei den römischen Kaisern. "Adventus Augusti" "Ankunft des Anbetungswürdigen", so stand es auf den römischen Münzen, und so könnte man über das Ereignis von Palmsonntag schreiben.
"Hosianna, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn" so jubeln die Pilgerscharen als Jesus auf einem Esel den Ölberg hinab reitet in die Stadt, und sie werfen ihm die Palmenzweige auf den Weg, Palmenzweige, die für den Gottesdienst im Tempel gedacht waren.

Endlich hatte der, der ihre Hoffnungen geweckt hatte, Flagge gezeigt: "Siehe dein König kommt zu dir, sanftmütig und reitet auf einen Esel", dieses Prophetenwort hatte er für sich beansprucht mit diesem Ritt.
Wer sich die Begeisterung nicht vorstellen kann, der sollte ins Dokumentationszentrum gehen und sich Filme vom Einzug Adolf Hitlers in Nürnberg ansehen - nicht auf einem Esel sondern im offenen Mercedes.
Das war keine befohlene, das war echte Begeisterung, es war Begrüßung des erhofften Befreiers und Erlösers.
Jesus weinte über Jerusalem, er wußte, dass die militante Messiashoffnung in die Katastrophe führen würde. Auch Adolf Hitler hätte weinen können, wenn er in seiner Verblendung geahnt hätte, wie Nürnberg 10 Jahre später aussehen würde.

Jerusalem hatte noch eine Frist von 30 Jahren bis zu seiner Zerstörung - und 100 Jahre später kam der von vielen erwartete militante Messias, Bar Kochba, "Sohn des Sterns", und seit dem gescheiterten Bar-Kochba-Aufstand sind die Juden in aller Welt verstreut.

Nach der Musik wollen wir versuchen, ob es nicht doch etwas weihnachtlicher werden kann in unserer heutigen Sendung.

( Musik )

Am Heiligen Abend werden die Kirchen wieder überfüllt sein. Im Kerzenlicht werden die Menschen Weihnachtslieder singen: Stille Nacht, Heilige Nacht - Vom Himmel hoch, da komm ich her - Ich steh an deiner Krippen hier. Sie werden die Weihnachtsgeschichte hören, auch Prophetenworte aus dem Alten Testament, die mit Weihnachten seit Jahrtausenden verbunden sind.

Auf der ganzen Welt wird ein Ereignis die Menschen bewegen und anrühren - die Geburt eines Kindes vor 2002 Jahren.
Dass die Kirchen und Dome da stehen, viele ergreifende Werke von Künstlern durch Jahrhunderte, vielfältige und sehr beeindruckende soziale Strukturen und Werke sind Folgen dieser Geburt, des Lebens und Sterbens dieses Menschen. Das "Christliche Abendland" hat hier seine Wurzeln, ob wir es wollen oder nicht - auch wenn Jesus Christus unter Missverständnissen und Missbrauch des "Christlichen" oft kaum noch sichtbar war, wie damals am Palmsonntag.

Die Verankerung des Weihnachtsfestes im Gefühl, schon in der Kindheit, ist wohl ein wichtiger Faktor, der diesen christlichen Raum in unserer Kultur und Zivilisation am Leben hält, und vielleicht auch Familien und Freundschaften ein wenig christliche Prägung gibt. Es wäre aber eine Illusion, diesen Anteil am Weihnachtsfest zu hoch einzuschätzen. Oft geben die Weihnachtlieder und Geschichten dem "Fest der Freundschaft und der Liebe" nur die festliche Farbe und eine gute Stimmung. Das sei allen gegönnt, doch drängt sich die Frage auf:

"Was geschieht mit unserer Kultur und Zivilisation, wenn wir die Verbindung zu ihren Ursprüngen und zu ihrem Fundament verlieren?"

Wie gewaltig die Hoffnungen auf einen Messias aufbrechen können, das hat gerade Nürnberg erlebt - auch die gewaltige Katastrophe, die daraus folgen kann. Durch zwei Jahrtausende hat der damals geborene Erlöser seine befreiende und erlösende Macht bewiesen, immer nur in einzelnen Menschen, nie als Massenbewegung.

Wenn wir in diesem Jahr die Weihnachtslieder und die Weihnachtsgeschichte wieder ganz bewußt singen und hören, dann könnte das unsere Beziehung zu diesem 2002 Jahre jungen Kind erneuern, vertiefen oder zum ersten Mal lebendig machen.
Der vierte Advent ist ein gutes Datum für einen solchen Vorsatz zu Weihnachten.

Dr. Hans Frisch

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