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KW 28 / 2011

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Seveso-Katastrophe 1976 

Der Alptraum von Seveso

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Vor 35 Jahren: Einer der großen Chemieskandale bei Seveso, Norditalien

So entstand am 10.07.1976 das "Sevesogift" in der Chemiefabrik Icmesa

So entstand das "Sevesogift" in der Chemiefabrik Icmesa bei Mailand: Ziel der Produktion war das drei Chlor-Atome (Cl) enthaltende Trichlorphenol (TCP), ein Vorprodukt für das Desinfektionsmittel Hexachlorophen.

Bei hoher Temperatur können zwei Moleküle zum hochgiftigen Dioxin (TCDD, genau: 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin) verschmelzen. Dabei entsteht Wärme , die das Reaktionsgemisch weiter aufheizt, und der Prozess schaukelt sich hoch.

Genau das geschah am 10.07.1976 bei Icmesa, weil ein Arbeiter die TCP-Produktion am Wochenende stoppte und versehentlich das Rührwerk des Kessels ausgeschaltete. Sein Inhalt heizte sich auf, bis ein Sicherheitsventil nachgab.

Das Risiko der Dioxinbildung war bekannt; auch ein sicheres Verfahren der TCP-Herstellung bei niedriger Temperatur. Ein Auffangbehälter hinter dem Sicherheitsventil hätte die Katastrophe verhindert.

10.07.1976: In einer Chemiefabrik (Icmesa S.p.A) in Meda bei Mailand gelangen wegen Überhitzung eines Kessels über ein Sicherheitsventil giftige Gase ins Freie. Weil Samstag ist, trifft erst nach über einer Stunde fachkundiges Personal ein, um den Kessel auf eine unkritische Temperatur herunter zu kühlen. In der Zwischenzeit breitet sich eine Giftgaswolke über eine Region mit 100.000 Einwohnern aus (über die Orte Seveso, Meda, Desio und Cesano Maderno). Es gibt weder Warnsysteme noch Alarmpläne.

In den folgenden Tagen welken in der Umgebung die Blätter an Bäumen und Sträuchern, Hühner und Kaninchen verenden. Vier Tage nach dem Chemieunfall fordert man die Anwohner auf, alles Obst und Gemüse in ihren Gärten zu vernichten – weshalb, sagt man ihnen nicht. Über 200 Menschen werden mit schweren Hautverätzungen ins Krankenhaus eingeliefert, doch die Ärzte wissen nicht, wie sie sie behandeln sollen.

Erst neun Tage nach dem Austritt des Giftgases erfährt die Bevölkerung, dass aus der Chemiefabrik des schweizer Pharmakonzerns Roche unbekannte Mengen von hochgiftigem Dioxin (TCDD) ausgetreten sind.

Über zwei Wochen nach dem Chemie-Unfall beginnt man, die Bewohner der Ortschaften zu evakuieren. Da Dioxin auch zu Veränderungen der Erbsubstanz führt, raten die Gesundheitsbehörden schwangeren Frauen zu einer Abtreibung.

In dieser Giftmüll-Verbrennungsanlage in Basel soll der hochgiftige Kesselinhalt der der Seveso-Katastrophe im Jahr 1985 verbrannt worden sein
In dieser Giftmüll-Verbrennungsanlage in Basel soll der hochgiftige Kesselinhalt der Seveso-Katastrophe im Jahr 1985 verbrannt worden sein
Foto: Alex Anlicker unter GNU-Lizenz auf wikipedia.de

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Nachdem man die verseuchte Erde abgetragen hatte, begann man sechs Jahre nach der Katastrophe (10.09.1982) mit der Entsorgung des Kesselinhaltes. Er wurde in 41 Fässern abtransportiert, kam jedoch an seinem Ziel nicht an. Fieberhaft suchte man in halb Europa nach den Giftfässern. Nach acht Monaten tauchten sie angeblich wieder auf und wurden 1985 in einem Baseler Giftmüll-Ofen verbrannt.

Seveso, einer der betroffenen Orte, wurde zum Synonym für industrielle Schlamperei und Vertuschung. Die Folge von "Seveso" war eine "EU-Richtlinie ... zur Beherrschung der Gefahren bei schweren Unfällen mit gefährlichen Stoffen" - ernsthaft infrage gestellt werden gefährliche Produktionsmethoden aber wohl nur, wenn es schief geht.

Uwe Schütz

Quelle: widipedia.de

mehr bei uns aus der Zeit: mehr bei uns über Chemie-Skandale:  
1975 : Gründung der Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (GEPA)
1976 : Anschnallpflicht für Autofahrer
1976 : 1. Linienflug mit Übersschallgeschwindigkeit
1976 : Seveso-Katastrophe
1977 : RAF-Mord an Jürgen Ponto
1977 : Tod von Elvis Presley
1967 : Einsatz von dioxin-haltigem Herbizid "Agent Orange" in Vietnam
1970 : Ende des Prozesses um Arzneimittel-Skandal Contergan
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